Sprache und Gesellschaft in den Philippinen

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
2 Sprachen in vorspanischer und spanischer Zeit
3 Sprachen unter US-amerikanischem Einfluss
 3.1 Die neue Kolonialmacht
 3.2 Das US-amerikanische Schulsystem
 3.3 Englisch als Schulfach
 3.4 Mathematik und Naturwissenschaften in der Schule
 3.5 Englisch in Politik, Wirtschaft und Kultur
4 Philippinische Sprachen heute
 4.1 Landessprache Filipino
 4.2 Filipino als Schulfach
 4.3 Eignung von Filipino als moderne Landessprache
 4.4 Filipino als "Wir"-Sprache
 4.5 Filipino in Politik, Wirtschaft und Kultur
 4.6 Informeller Gebrauch von Filipino
5 Sprache in der Welt heute
 5.1 Sprache und Globalisierung
 5.2 Sprache und nationale Identität
 5.3 Muttersprache in der Schulbildung
6 Bewertung von Projekt Thomas
 6.1 Schülerleistungen
 6.2 Gesellschaftliche Auswirkungen
 6.3 Wirtschaftliche Auswirkungen
 6.4 Die Nutznießer von Projekt Thomas
 6.5 Die Benachteiligten von Projekt Thomas
7 Wege für die Zukunft
 7.1 Bestandsaufnahme
 7.2 Drei mögliche Wege
 7.3 Weiterführung des Status quo
 7.4 Unilateraler Weg zum Englischen
 7.5 Multilateraler Weg
 7.6 Ausblick
8 Nachwort: Der Verfasser und die Sprachen
9 Anhang


1 Einleitung

Die philippinische Gesellschaft besitzt ein Verhältnis zu Sprachen, das sich erheblich von dem anderer Länder unterscheidet. Offiziell hat das Land zwei Sprachen und wird daher als zweisprachig bezeichnet. Es gibt eine Landessprache Filipino und als zweite Sprache Englisch, das als Geschäfts-, Unterrichts- und Amtssprache verwendet wird. Die wirklichen Verhältnisse sind jedoch viel komplizierter, und Versuche zu ihrer Darstellung sind selten. Fragen der Sprache sind in vielen Ländern Streitfragen mit hoher politischen Priorität. In diesem Punkt unterscheiden sich die Philippinen nicht von anderen Ländern. Außer einer emotionell-politischen Diskussion findet eine sachliche Auseinandersetzung kaum statt, welche Aufgabe welche Sprache in den Philippinen übernehmen kann oder soll, um den Philippinen wirtschaftlich und kulturell einen angemessenen Platz in einer globalisierten Welt zu gewährleisten.

Vereinfacht gesprochen, besteht das Dilemma darin, dass man Englisch sprechen möchte, es aber nicht kann und daher auf Muttersprachen angewiesen ist, denen man jedoch wenig Wert beimisst.

Denken und Handeln der Filipinos sind auch heute noch stark von ihrer kolonialen Vergangenheit geprägt. Nach der Ankunft der Spanier im Jahre 1521 waren die Philippinen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts spanische Kolonie. 1898 wurden sie Kolonie der Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser Kolonialstatus wurde später graduell gelockert, 1946 erhielten die Philippinen formal ihre Unabhängigkeit. Bis heute besitzt das Land starke wirtschaftliche, kulturelle und politische Bindungen zu den Vereinigten Staaten.

Deutliche und realistische Visionen über ihre Zukunft und ihren Platz in der modernen Welt haben Filipinos niemals entwickelt. Stattdessen bestehen diffuse Wunschbilder, die oft nur wenig Bezug zur Realität haben und deren kritischer Analyse man häufig aus dem Wege geht. Eine zielstrebige und tatkräftige Entwicklung des Landes ist somit ausgeblieben. Informelle, undeuliche und vermutlich wenig kontrollierte Prozesse bestimmen den Weg des Landes.

Dies erschwert, eine realistische und relevante Darstellung über Entwicklungen im Land zu geben. Häufig kann das offenbare Geschehen kein vollständiges Bild liefern und muss durch informelle und diffuse Wahrnehmungen ergänzt werden, wobei sich das Einfließen subjektiver Ansichten nicht vermeiden lässt.

Wissenschaftliche Arbeiten befassen sich vorwiegend mit der Frage, ob und warum die Philippinen eine Landessprache benötigen (eine neuere Arbeit ist { Almario 2007}). Für uns steht jedoch die erstaunliche Tatsache im Vordergrund, dass und warum die große Mehrheit der Filipinos ihre Muttersprache zugunsten einer Fremdsprache freiwillig aufzugeben bereit ist, was der philippinischen Sprachenproblematik eine in der Welt einmalige Richtung gibt.

In den Philippinen steht das Thema Sprache stets in Beziehung zu Fremdsprachen. Dadurch werden Wesen und Funktion der Sprache oft auf ein Werkzeug zum Zweck der Kommunikation beschränkt. Diese Verengung lässt andere Aspekte der Sprache nahzu vergessen, dass Zweck der Sprache ist, 'den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen'. So hat es bereits Wilhelm v. Humboldt 1826 ausgedrückt, ein längeres Zitat im Anhang {1*}. Wir möchten unsere Einleitung nicht abschließen, ohne auf den Zusammenhang zwischen Sprache und Menschsein hinzuweisen, und wieder zitieren wir den Gelehrten Humboldt:

'Die Worte entquillen freiwillig, ohne Not und Absicht, der Brust, und es mag wohl in keiner Einöde eine wandernde Horde gegeben haben, die nicht schon ihre Lieder besessen hätte. Denn der Mensch, als Tiergattung, ist ein singendes Geschöpf, aber Gedanken mit den Tönen verbindend.'

Diesem Gedanken folgend, sind Filipinos besonders gern singende Geschöpfe, verbinden besonders gern ihre Gedanken mit den Tönen und haben ein besonders enges Verhältnis zu Sprache, ohne sich dessen sehr bewusst zu sein.


2 Sprachen in vorspanischer und spanischer Zeit   (• Es)

Anfang des 16. Jahrhunderts, vor der Ankunft der ersten philippinischen Kolonialmacht, der Spanier, gab es in den Philippinen eine große Anzahl Sprachen, die (nahezu) alle der austronesischen Sprachfamilie angehörten {2*}. Der philippinische Archipel besteht aus mehr als 7000 Inseln und hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von mehr als 1500 km. Betrachtet man die Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten jener Zeit, so nimmt es nicht wunder, eine große Vielfalt an Sprachen und Dialekten anzutreffen. In vorspanischer Zeit wurde eine Silbenschrift (Baybayin) verwendet.

1521 landet Magellan, nach Umsegelung von Südamerika, zuerst in Samar (Visayas), dann in Nord-Mindanao und in Cebu. Bei einer Lokalfehde, die er schlichten möchte, wird er getötet (von Lapu-Lapu, dem König von Maktan). Später erobert F. Legazpi das Land systematisch und macht Manila zur Hauptstadt (1571). Die Philippinen ( Pilipinas) erhalten ihren Namen nach dem spanischen König Philipp II., werden spanische Unterkolonie von Mexiko, der Generalgouverneur in Manila ist dem spanischen Vizekönig in Mexiko unterstellt (bis 1821).

Die Spanier - insbesondere Priester und Mönche - hatten sich die Aufgabe gesetzt, die Bevölkerung ihrer südostasiatischen Kolonie zu katholizieren, die bisher an viele Naturgötter glaubte. Sie gingen völlig anders vor als die Amerikaner fast vierhundert Jahre später. Anstelle dass die gesamte Bevölkerung Spanisch lernen musste, lernten die spanischen Mönche die jeweilige philippinische Sprache und unterwiesen in der Landessprache. Nur den Filipinos vorher unbekannte Begriffe aus Religion, Kultur und Zivilisation wurden mit spanischen Lehnwörtern benannt. Es besteht kein Zweifel, dass dieses Projekt der Katholisierung ein voller Erfolg war. Noch heute sind etwa 80 % der Filipinos Katholiken, die meisten davon praktizierend. Die katholische Kirche hat auch heute noch einen überwältigenden gesellschaftlichen Einfluss. Es war ein pädagogisches Meisterstück, die Lehrer statt der Schüler eine Fremdsprache lernen zu lassen, um das Land zu katholizieren. Hinzu kam, dass man weit weg von Rom war, und man konnte deshalb die christliche Religion sehr undogmatisch einführen. Zum Beispiel wurden die katholischen Heiligen die direkten Nachfolger der Haus- und Ahnengötter, und heute noch wird in vielen Familien dem Heiligenbild auf dem Hausaltar bei Geburtstagsfeiern ein kleines Stück der Geburtstagstorte angeboten.

Die spanische Kolonialmacht regierte das Land pragmatisch und versuchte niemals, das Land über den reinen Herrschaftsanspruch hinaus enger an Spanien zu binden. So wurden von der Kolonialmacht keinerlei Anstrengungen unternommen, spanische Sprache und Kultur in den Philippinen einzuführen. Vermutlich hat man dies als gefährlich für die Aufrechterhaltung der kolonialen Macht betrachtet. In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass der von den Spaniern 1896 hingerichtete Nationalheld J. Rizal keineswegs die Unabhängigkeit der Philippinen von Spanien anstrebte, sondern dafür kämpfte, dass den Filipinos die gleichen Bürgerrechte wie den Spaniern gewährt würden. Dass Spanien trotzdem erheblichen kulturellen Einfluss in den Philippinen hatte, ist darauf zurückzuführen, dass vor allem die einheimische Oberklasse den Spaniern nacheiferte und häufig ihre Kinder nach Spanien zum Studium schickte.

Die Spanier hatten kein Interesse, der einheimischen Bevölkerung ihre Sprache oder gar Schrift beizubringen. Andererseits brachten sie viele neue Dinge ins Land, für die es keine einheimischen Namen gab. Die Filipinos hörten, wie die Spanier ein Wort cerrar für einen geschlossenen Raum oder Behälter benutzten. Sie schnappten das Wort als sara auf, identifizierten es mit dem Begriff zu und betteten es völlig in ihre Sprache ein (z.B. inisara bedeutet zugemacht). Die spanischen Lehnwörter verschmolzen häufig bis zur Unkenntlichkeit in die Landesspache.

Einige Spanier begannen die Landessprachen, vor allem Tagalog, sorgfältig zu studieren. Bereits 1593 erschien in Manila als das erste in den Philippinen gedruckte Buch eine zweisprachige Doctrina Christiana.1604 wurde von Pater Pedro Chirino in Rom ein Tagalog-Buch {2**} (der Hauptdialekt in den Philippinen) veröffentlicht, in dem dessen Verfasser die Tagalog-Sprache preist. Ihr sei zueigen die Mystik und Bildhaftigkeit des Hebräischen, die treffende Ausdrucksfähigkeit des Griechischen, die Vollkommenheit des Lateinischen und die Höflichkeit des Spanischen. So wurden die lokalen Sprachen bereits frühzeitig dokumentiert und untersucht. Auch Zeugen einer einheimischen Literatur wurden gesammelt, wir Rätsel, Sprüche und Lieder. Andererseits ist auch verständlich, dass die spanische Kolonialmacht keine Schritte unternahm, ihren Untertanen zu einer eigenen Nationalsprache zu verhelfen. Das systematische Studium der einheimischen Sprachen blieb eine Freizeitbeschäftigung der spanischen Mönche.

Interessant ist der Sprachgebrauch im Vorfeld der philippinischen Revolution (vor 1898). Die Propagandabewegung um J. Rizal benutzte die spanische Sprache in ihren revolutionären Büchern, Schriften und Reden. Nicht nur die Zeitschrift 'La Solidaridad', sondern auch Rizal's Bücher ('Noli me tangere' und 'El Filibusterismo' sind Pflichtlektüre in allen philippinischen Schulen) sind in Spanisch geschrieben. Die wenigen schriftlichen Zeugnisse der revolutionären Gruppe, der Katipunan-Bewegung mit A. Bonifacio, sind in Tagalog.

Die Philippinen unterscheiden sich erheblich von anderen spanischen Kolonien in Lateinamerika. Dort wurde offenbar die Urbevölkerung soweit vernichtet oder verdrängt, dass sich die spanische Sprache in kurzer Zeit als einzige Sprache durchsetzen konnte.

Bei der Ankunft der Amerikaner am Ende des 19. Jahrhunderts ergibt sich also folgende Bild. Die spanischen Kolonialherren sprechen Spanisch als Mutter- und Amtssprache. Die kleine philipipinische Oberschicht und ein kleines einheimisches Bildungsbürgertum (vor allem Priester) spricht Spanisch als Fremdsprache, behält aber die einheimische Sprache als Muttersprache. Die große Mehrheit der Filipinos spricht ihren einheimischen Dialekt, der viele spanische Lehnwörter enthält.


3 Sprachen unter US-amerikanischem Einfluss   (• US)

3.1 Die neue Kolonialmacht   (• Kolonie)

Einige weitsichtige amerikanische Politiker hatten bereits am Beginn des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts die strategische Bedeutung der Philippinen auf dem Weg von Amerika zum Fernen Osten erkannt. Im Zeitalter der Dampfschiffe machte eine Stützpunktbrücke von Kalifornien über Hawai, Guam und die Philippinen nach Hongkong und anderen fernöstlichen Zentren strategischen Sinn. Deshalb waren die Vereinigten Staaten an den Philippinen interessiert und nutzten 1898 die Schwäche der Spanier aus, um in deren Kolonie die Macht zu übernehmen.

Der amerikanische Commodore Dewey hatte 1898 das Land (oder zumindest die Hauptstadt und ihre Umgebung) unter seine Herrschaft gebracht, und die Vereinigten Staaten hatten im Pariser Vertrag im Dezember 1898 die Philippinen offiziell von Spanien abgekauft. Dass dies der Beginn der Kolonialherrschaft über eines der größeren Völker Asiens bedeutete, hatte man in Washington kaum bedacht und geplant. Man war dort offenbar überrascht, plötzlich Herr über so viele Millionen kleiner, braunhäutiger Menschen geworden zu sein.

Die Amerikaner legten Wert darauf, in ihrer neuen Kolonie Souveränität auszuüben. Sie wollten dies in einer amerikanischen humanen Art und Weise erreichen und brachten auf breiter Front amerikanische Ideale zu den neuen Untertanen. Dieser missionarische Eifer wurde von keinen "alten Hasen" mit Erfahrung in der Kolonialverwaltung gebremst. Da die US-Amerikaner damals außer ihrem eigenen Land von der Welt wenig kannten, gab es für sie keinerlei Zweifel, dass man die Filipinos zu "kleinen Amerikanern" machen sollte, die durch amerikanische Erziehung vielleicht später einmal "richtige Amerikaner" werden konnten.

Bei den Spaniern waren die Filipinos gar nichts, und die Aussicht, "kleine Amerikaner" werden zu dürfen, war für die Filipinos ungeheuer attraktiv, zumal die Vereinigten Staaten in dieser Zeit ihren Aufstieg zur Weltmacht erlebten {3.1*}. Vieles, was die Welt am Anfang des 20. Jahrhunderts an technischen und kulturellen Errungenschaften besaß, brachten die Amerikaner in die Philippinen. Sie ließen den Eindruck entstehen, dass alles Neue aus Amerika kam. Damit entwickelten die Filipinos ein Weltbild, dass aus einem "großen Onkel" USA und dem "kleinen Neffen" Philippinen bestand. Sonst gab es nichts in der Welt, eine rein unilaterale Sicht der Welt.

Aus dieser Sicht ist es naheliegend, dass es in der Welt nur eine gute und richtige Sprache gibt, das Englisch des "großen Onkels". Bis heute hat sich das Verhältnis zur englischen Sprache nicht wesentlich geändert. Es ist die einzige Fremdsprache, die man kennt, weil es die einzige Sprache ist, die es wert ist, sich mit ihr zu beschäftigen. Man liebt Englisch, weil es die Sprache des "großen Onkel" ist. Dieses Bild bleibt auch dadurch aufrechterhalten, dass viele Filipinos in den Vereinigten Staaten in dieser Sprache gute US-Dollar verdienen, mit denen sie die noch in den Philippinen lebenden Verwandten unterstützen.

Ein weiterer Aspekt mag hinzugekommen sein. Die Spanier hatten ihre Sprache mehr oder weniger für sich behalten. Jetzt kamen die Amerikaner, die ihre Sprache großzügig mit den Filipinos teilen wollten. Das war ein Grund, sich stolz und anerkannt zu fühlen. Andere amerikanische Werte wie Fleiß und Ausdauer, Ehrlichkeit untereinander und im öffenlichen Leben fanden demgegenüber weniger Anklang bei den Filipinos.


3.2 Das US-amerikanische Schulsystem   (• System)

Eines der für die US-Amerikaner wichtigsten und auch wirkungsvollsten Programme war die Einführung eines allgemeinen Grundschulsystemes in den Philippinen. Es soll hier betont werden, dass dieses Projekt gewaltigen Fortschritt für die Filipinos gebracht hat. Bis heute ist die Grundschule eines der saubersten und ordentlichsten Gebäude in jedem noch so abgelegenen Dorf.

Es ist verständlich, dass die US-Amerikaner mit den guten Erfahrungen ihres Schulsystemes im eigenen Land und ohne Erfahrungen in Kolonien ihr eigenes System kopieren wollten. So beschloss man, in Amerika 600 Lehrer einzustellen und ihnen die Aufgabe zu übertragen, ein amerikanisches Schulsystem in den Philippinen aufzubauen. Bereits im Jahr 1901 (drei Jahre nach der Machtübernahme) landete in den Philippinen der Dampfer Thomas mit diesen US-amerikanischen Lehrern, die in den Philippinen als Thomaner (in Englisch 'Thomasian'", {1*}) bezeichnet werden.

Es ist verständlich, dass die Amerikaner mit den guten Erfahrungen ihres Schulsystemes im eigenen Land und ohne Erfahrungen in Kolonien ihr eigenes System kopieren wollten. So beschloss man, in den Vereinigten Staaten die oben erwähnten 600 Lehrer einzustellen und ihnen die Aufgabe zu übertragen, ein US-amerikanisches Schulsystem in den Philippinen aufzubauen. Mit einem Aspekt diese Systemes werden wir uns im folgenden befassen. Es wurde beschlossen, dass die Unterrichtssprache Englisch ist, und die Landessprache (bzw. der Landesdialekt) wie eine Fremdsprache gelehrt wird.

Dieses von den Vereinigten Staaten gestartete Projekt, die Weltsprache Englisch als Unterrichtssprache in den Philippinen einzuführen, wollen wir als Projekt Thomas bezeichnen.

An diesem System hat sich bis heute fast nichts geändert. Alle Unterrichtsfächer in den philippinischen Schulen werden in Englisch unterrichtet mit Ausnahme der Fächer Filipino, Religion (teils in Filipino, teils in Englisch) und Heimatkunde (in der Grundschule). Das Fach 'Language' befasst sich mit der englischen Spache und nicht etwa mit der Muttersprache. Da verständlicherweise vor der Ankunft der Amerikaner in den Philippinen beinahe niemand Englisch sprach, bedeutet dieses Projekt ein gigantisches Umerziehungswerk für das Denken und Leben von Millionen Menschen.


3.3 Englisch als Schulfach   (• Englisch)

Englisch wird in den Philippinen in der Schule gelernt, um anschließend vorwiegend innerhalb des Landes verwendet zu werden. Demgegenüber tritt praktische Spracherfahrung mit Ausländern, insbesonders mit englischen Muttersprachlern, deutlich zurück. Die sehr beliebten Hollywoodfilme und US-Fernsehserien gehören zu den wenigen Gelegenheiten, wo Filipinos etwas aus den USA direkt erleben.

Die englische Sprache in den Philippinen wird wie eine Muttersprache und nicht wie eine Fremdsprache gelehrt. Vorsätzlich oder unbewusst hat man diesen Weg gewählt und bis heute beibehalten. Es ist schwer, alle Gründe dafür zu finden. Zunächst ist anzunehmen, dass man amerikanische Lehrpläne bei der Einführung des allgemeinen Schulsystemes in den Philippinen unkritisch übernommen hat. Wegen der beschränkten Auslandsorientierung der US-Amerikaner um die Wende zum 20. Jahrhundert ist dies möglicherweise unbeachtet und unbeabsichtigt gewesen. Und später hat man sich möglicherweise aus Hochachtung vor den US-Amerikanern gescheut, etwas zu ändern. Vielleicht kann auch der Wunsch eine Rolle gespielt haben, dass den Filipinos Englisch zur Muttersprache wird, wenn man dieses in der Schule wie eine Muttersprache lehrt. Ein zusätzlicher praktischer Grund mag gewesen sein, dass man mit der Übernahme amerikanischer Lehrpläne und Schulbücher der Aufgabe enthoben war, eigene zu entwickeln.

Nun ist auch noch heute Englisch nicht die Muttersprache in den Philippinen. Man braucht kein Pädagoge zu sein um einzusehen, dass sich das Unterrichtsfach Muttersprache von dem einer Fremdsprache unterscheidet. Im Unterrichtsfach Muttersprache bringt der Schüler vom ersten Tag an ausgedehnete Kenntnise mit, und die Aufgabe des Unterrichtes ist, diese zu erweitern und zu vertiefen (z.B. durch Lesen und Schreiben). In einer Fremdsprache beginnt der Unterricht am Punkt Null, der Schüler hat keine oder kaum Vorkenntnisse. Wenn man Englisch als Muttersprache lehren will, muss der Schüler bei Schulantritt also schon Englisch sprechen können. Elternhaus und Nachbarschaft versagen hier, dort wird kein Englisch gesprochen. Versuche, die notwendigen Englischkenntnisse im Kindergarten zu vermitteln, sind unzureichend. Dort werden zusammenhanglos Einzelwörter gelehrt. Vermutlich ist ein Kindergarten überfordert, Basisstrukturen einer Fremdsprache zu vermitteln, die dazu noch einer anderen Sprachfamilie angehört.

Nur wenige Amerikaner sind gewohnt, Fremdsprachen zu lernen, und weder sie noch die Filipinos haben die didaktischen Werkzeuge dazu entwickelt. So wird Englisch auch heute noch als 'Language', also wie eine Muttersprache gelehrt. Dabei ist den Lehrern des Englisch nicht aufgefallen, dass philippinisches Denken sich erheblich von westlichem Denken unterscheidet, was sich auch in der Struktur der Sprache widerspiegelt. So hat niemand bemerkt, dass der philippinische Mensch sich innerlich gegen das westliche Denken sträubt. Und ein unbemerktes Problem kann bekanntlich nicht gelöst werden. Als letzter Punkt soll angeführt werden, dass in der philippinische Gesellschaft alle Änderungen auf Widerstand stoßen. Professionelle Methoden zur Innovation sind kaum entwickelt, und damit scheitern die meisten Projekte, die Änderungen beabsichtigen oder mit sich bringen. So hat auch das Projekt Englisch unter dieser allgemeinen Ineffizienz gelitten und leidet heute noch darunter.

Das Dilemma, dass man Englisch sprechen möchte, aber es nicht kann, hat man scheinbar durch Taglish gelöst. Im Gegensatz zu Singlish, bei dem chinesische (und malaiische) Wörter in die englische Sprache eingefügt werden, ist Taglish eine filipinische Sprache mit englischen Einsprengseln. Der richtige Name wäre Engalog. Nun stellt Taglish innerhalb der Philippinen fast jeden zufrieden, man kann glauben, zur Welt des "großen Onkels" zu gehören, ohne dass man ernsthaft die Fremdsprache Englisch erlernen muss. Außerdem verstehen emigrierte Filipinos in den Vereinigten Staaten Taglish, zu denen man den Kontakt aurechterhalten möchte.


3.4 Mathematik und Naturwissenschaften in der Schule   (• Mathematik)

Die irrige Annahme, dass Englisch von philippinischen Schülern wie eine Muttersprache verstanden wird, führt dazu, dass auch der Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften in englischer Sprache erteilt wird. Nun wird dabei so früh begonnen, dass die Englischkenntnisse der Schüler noch völlig unzureichend sind, um die komplizierten Zusammenhänge in diesen Fächern zu erfassen. Wir sehen hier die Ursache für die oft beklagte Schwäche der philippinischen Schüler in diesen Fächern. Dies ist besonders gravierend, da die Ingenieurwissenschaften, die auf diesen Fächern basieren, ausschlaggebend für die Zukunft eines Entwicklungslandes sind.


3.5 Englisch in Politik, Wirtschaft und Kultur   (• En_Politik)

Während ihrer Kolonialzeit brachten die US-Amerikaner entscheidende Neuerungen in das politisch-administrative und wirtschaftliche System der Philippinen. Auf beiden Gebieten herrscht die geschriebenen Sprache vor, dazu wurde ausschließlich die englische Sprache verwendet. Mangels fehlender Fachausdrücke in der Muttersprache wurde und wird dies auch heute als vernünftig und richtig akzeptiert. Ein volles Verständnis der Texte wurde oft nicht erreicht, und so verstehen z.B. viele Filipinos auch heute nicht vollständig, was sie auf ihrer Steuererklärung unterschreiben.

Inländische Geschäftskorrespondenz wird ausschließlich in Englisch geführt. Großunternehmen haben keine Mühe, Mitarbeiter mit entsprechenden Englischkenntnissen einzustellen. In einzelnen Fällen werden bei der Qualifikation Englischkenntnisse höher als Fachkenntnisse bewertet, möglicherweise mit negativen Folgen für die Leistungsfähigkeit der Organisation. In Kleinbetrieben können häufig weder der Besitzer noch seine Mitarbeiter so gut Englisch, um es für die Geschäftskonkurrenz zu verwenden. Sie müssen dann auf mündliche Verabredungen ausweichen, was den Geschäftsverkehr erschwert und häufig nicht erlaubt, größere Projekte zu gewinnen und abzuwickeln. Dadurch entstehen Ausfälle in der Wirtschaftsleistung und zusätzlich erhebliche Wettbewerbsverzerrungen, da große und ausländische Firmen diese Probleme nicht haben. So können z.B. kleinere oder mittelständische Restaurants kaum mit den großen Schnellimbissketten konkurrieren.

Das bezieht sich nicht nur auf die inländische Wirtschaftsleistung, sondern erstaunlicherweise auch auf die Exportleistung, wo doch eigentlich die Philippinen einen Wettbewerbsvorsprung aufgrund ihrer besseren Englischkenntnisse haben sollten. Der Anteil ausländischer Unternehmen in den Philippinen ist erheblich höher als in den Nachbarländern, was zu einem stärkeren Gewinnabfluss ins Ausland führt. Eine zunehmende Zahl von internationalen Unternehmen schließt ihre Produktionsstätten in den Philippinen, um von anderen ASEAN-Ländern (mit eigener Landessprache) den philippinischen Markt zu beliefern.

Weitgehend wurde offiziell das US-amerikanische Rechtssystem eingeführt. Gesetze und Ähnliches werden ausschließlich in englischer Sprache verfasst (einige wenige werden nachträglich in die Landessprache übersetzt). Gerichtsprozeduren laufen weitgehend in englischer Sprache ab. Auch hier ist einer großen Mehrheit das Verständnis dieser englischsprachigen Dokumente kaum möglich, der Durchschnitts-Filipino kennt seine Gesetze und die darin festgelegten Pflichten und Rechte nicht.

Ein kulturelles Leben hat sich in den Philippinen nur wenig ausgebildet. Die Prioritäten der Kolonialmacht lagen auf den Gebieten der Volksbildung, der Erneuerung der wirtschaftlichen und politisch-administrativen Systeme. Somit erklärt sich, dass die englische Sprache die kulturelle Welt nicht so vollständig erfasst hat wie andere Gebiete.

Publikationen sind nahezu ausschließlich in englischer Sprache. Nur die großen Tageszeitungen werden im Lande hergestellt. Nahezu alle anderen Publikationen sind importiert. Das betrifft Zeitschriften und Bücher {3.5*}, wobei Fachbücher häufig faksimiliert im Inland gedruckt werden. Die meisten englischsprachigen Bücher und Zeitschriften sind US-amerikanisch oder Nachdrucke von amerikanischen Büchern, bei Sachbüchern oft in veralteten Auflagen. Sie tragen indirekt bei zur Verbreitung von amerikanischen Lebenstil und Besonderheiten. So finden sich in technischen Fachbüchern häufig noch die amerikanischen Maßeinheiten (Zoll, Fuß usw.), während alle asiatischen Handelspartner voll metrisch rechnen. Der Anteil von Publikationen aus anderen Ländern (z.B. Singapur und Australien) nimmt zu, ist aber noch klein.

Wenig beachtet ist in der Öffentlichkeit die Sprachenpolitik der katholischen Kirche. Offenbar ist Englisch die Amtssprache des philippinischen Klerus; liturgische Sprachen sind Englisch, Filipino und möglicherweise weitere philippinische Sprachen. Über Gründe für die Vorrangstellung des Englischen haben wir keine Informationen gefunden, obwohl diese bemerkenswert ist, da die katholische Kirche keine historischen oder offiziellen Beziehungen zu die Vereinigten Staaten hat. Im Gegensatz dazu machen andere kirchliche Gruppen, die mehrheitlich aus den Vereinigten Staaten kommen und deren Missionsarbeit sich an Katholiken wendet, ausgiebig Gebrauch von Filipino.


4 Filipinische Sprachen heute   (• Heute)

4.1 Landessprache Filipino   (• Landessprache)

Im Zuge des Aufbaues eines philippinischen Nationalstaates war es Präsident Quezon, der die Entwicklung einer Landessprache stark förderte. Ende 1937 proklamierte er die Sprache Tagalog zur Landessprache, Gründe für diese Wahl waren:

Seit 1940 soll diese Landessprache in allen Schulen des Landes als Pflichtfach gelehrt werden, seit 1978 ist das wirklich eingeführt. Die bereits von Quezon geschaffene Linggo ng Wika 'Sprachwoche' soll der Bewusstwerdung und Festigung der Landessprache dienen, ist aber heute mehr zu einem Heimatfest mit Volkstänzen in Santa-Clara-Kostümen herabgesunken.

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass 1973 einige andere linguistische Elemente in die Landessprache aufgenommen wurden und diese Sprache als Pilipino und später Filipino bezeichnet wird. In der heute gültigen Verfassung von 1987 wird eine Landessprache Filipino festgelegt, gleichzeitig daneben Englisch zur Verkehrs- und Unterrichtssprache erklärt. Vom Ansatz her soll Filipino eine auf dem Tagalog basierende Sprache sein, in der Elemente aus anderen philippinischen Sprachen aufzunehmen sind. Da die Erarbeitung näherer Richtlinien dazu unterblieben ist, kann man sagen, dass Filipino ein neuer Name für Tagalog mit dem Anspruch landesweiter Gültigkeit ist.

Die Anwendung der Nationalsprache unterscheidet sich jedoch erheblich von der in anderen Ländern. In Deutschland schrieben Luther und Goethe in Deutsch. Heute schreibt die Frankfurter Allgemeine und die Bildzeitung in Deutsch. Im Fernsehen, am Arbeitsplatz, zu Hause und in der Kneipe wird deutsch gesprochen. Das klingt wie ein Gemeinplatz, ist es aber im Vergleich mit der philippinischen Situation keineswegs. In den Philippinen gibt es ein "altehrwürdiges" Tagalog der Bibel (die aber jetzt auch in Englisch in Gebrauch ist) und der Nationalhymne. Dann kommt Englisch alsgeschriebene Amts- und Handelssprache. Unten schließt sich ein Umgangs-Filipino an. Das bedeutet, dass Filipino nur als Sprech-Sprache lebt, jedoch nicht als Schrift-Sprache.

Häufig wird das Begriff Filipino vermieden und der Eindruck erweckt, dass die weiterhin als Tagalog bezeichnete Sprache ein Lokaldialekt wie viele andere in den Philippinen sei. Damit wird die Nationalsprache - bewusst oder unbewusst - aus der täglichen Realität enfernt, und in eine Art "Heimatmuseum"-Bereich verdrängt.

Bewusst und unbewusst werden die Begriffe von Muttersprache, Fremdsprache und Dialekt vermischt. Vermutlich kommt dies aus den Vereinigten Staaten, wo häufig eine vereinfachte Identifizierung "Amerikanisches Englisch = Muttersprache = Weltsprache = Sprache schlechthin" stattfindet, da das Phänomen, dass die meisten Menschen in dieser Welt eine andere Muttersprache als Englisch haben, weit vom eigenen Erfahrungshorizont entfernt ist. Heute wird der Unterschied zwischen Muttersprache und Fremdsprache in den Philippinen nicht gesehen. Dann kommt die falsche Frage auf: Filipino oder Englisch. Und da man Englisch für die internationale Kommunikation benötigt, wird daraus geschlossen, dass für die Muttersprache Filipino kein Platz mehr in der heutigen Zeit sei.

Neue Begriffe, für die es im Filipino mit seinen spanischen Lehnwörtern keine Wörter gibt, werden jetzt unkritisch aus dem (amerikanischen) Englisch als "neue Wörter" in Filipino übernommen, jedoch nicht mehr als Lehnwort wie aus dem Spanischen, sondern als Fremdwort mit amerikanischer Aussprache. Da die englische Aussprache vom Schriftbild abweicht, gibt es Buchstabierungs- oder Ausspracheprobleme. In manchen Fällen wird die Schreibweise "eingefilipinot". Eine Schaffung neuer Wörter in Filipino für neue Begriffe findet nur vereinzelt statt.

Es gibt eine Anzahl filipinischer Wörter- und Sprachbücher, die im wesentlichen dem Leser helfen sollen, ins Englisch zu übersetzen und englische Texte zu verstehen. Dass diese Bücher die Besonderheiten der eigenen Sprache nicht herausarbeiten, liegt in der Natur der Sache.


4.2 Filipino als Schulfach   (• Filipino)

Filipino ist - wie oben erwähnt - in allen philippinischen Schulen Pflichtfach. In Systematik und Didaktik folgt das Lehren der Landessprache einer linguistischen Tradition. Diese sieht die philippinische Sprache mehr im Zusammenhang mit europäischen Sprachen (erst Spanisch, dann Englisch), als ihre Eigenständigkeit hervorzuheben und Zusammenhänge mit anderen westaustronesischen Sprachen zu suchen. So nehmen z.B. Phonologie und Orthografie von Fremdwörtern (die als "neue filipinische" Wörter gesehen werden) einen weiten Raum ein.

An den philippinischen Schulen wird eine besondere Version der filipinischen Sprache gelehrt, die von ihren Verfechtern als formales Filipino bezeichnet wird, das von einem Alltagsfilipino unterschieden wird. Vermutlich ist das formale Filipino bei der Übersetzung von spanischen Texten in lokale Sprachen entstanden, wo man aus Gründen der Authentizität (kirchliche Texte) oder der Bequemlichkeit halber vom Original so wenig wie möglich abweichen wollte. So wurden die grammatischen Strukturen gewählt, die der spanischen Sprache am ähnlichsten waren. Dabei wurde die Flexibilität der lokalen Grammatik einseitig ausgenutzt und typische Eigenheiten der lokalen Sprache vermieden. So wurde dieser Stil für die Muttersprachler etwas Besonderes, eine Art Kultsprache.

Dieser Stil wurde beibehalten und säkularisiert, als die Übersetzungen aus dem Spanischen durch solche aus dem Englischen ersetzt wurden. So wird auch heute noch dieses formale Filipino gelehrt, das außerhalb der Schule nur in administrativen Dokumenten verwendet wird (den wenigen, die nicht in Englisch sind). Es unterscheidet sich deutlich von der Sprache, die gesprochen wird und auch außerhalb der Schule (auch an den wichtigen Universitäten und in schöngeistiger Literatur) geschrieben wird. Das formale Filipino wird zwar als offiziell respektiert, aber innerlich nicht eigentlich akzeptiert. Das Ergebnis ist, dass das in den Schulen gelehrte Filipino kaum zu einer landessprachlichen Identität beiträgt.


4.3 Eignung von Filipino als moderne Landessprache   (• Eignung)

Auch heute noch bestehen in den Philippinen eine Vielzahl von Sprachen und Dialekten nebeneinander. Obwohl stets diese Vielzahl und deren Unterschiede betont werden, trifft eigentlich mehr das Gegenteil zu. Die wichtigen Sprachen sind sich strukturell sehr ähnlich, gleichen sich in der Syntax nahezu, sind sich in der Morphologie ähnlich und zeigen deutliche Unterschiede nur in Wortschatz und Aussprache. Die einzige Minderheit, die sich ethnisch-sprachlich deutlich unterscheidet, sind die Sino-Filipinos, die jedoch fast ausnahmelos die lokale Sprache perfekt beherrschen und keinerlei Interesse zeigen, Chinesisch außerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft zu propagieren. Wenn man also von den Sino-Filipinos absieht, gibt es trotz der Größe des Landes keine relevanten ethnisch-sprachlichen Minderheiten. Besonders erwähnenswert ist (es wird aber niemals erwähnt), dass die Sprache der vorwiegend im Süden lebenden Mosleme nur gering von der ihrer christlichen Mitbürger abweicht. Bei Autonomie- oder Separationsbestrebungen der Mosleme ist die Sprache kein Streitpunkt.

Filipino-Tagolog besitzt eine wesentliche Voraussetzung, eine Landessprache zu werden. Nicht-Tagalogsprecher lernen leicht, es zu verstehen und zu sprechen.

Eine andere Frage ist, ob Filipino-Tagalog die Eigenschaften besitzt, um als Landessprache eines modernen Landes im 21. Jahrhundert zu dienen. Die flexible Grammatik und der umfangreiche Wortschatz erlauben große Vielfalt und hohe Präzision im Ausdruck. Die Sprache hat ihre Innovationsfähigkeit auf einigen Gebieten ausgezeichnet bewiesen (Beispiel grammatische Fachausdrücke). Es gibt allerding nur wenige dieser Gebiete, auf denen man eine solche sprachliche Innovation versucht hat. In der akademischen Welt wird die lokale Sprache in Philosophie, Religion und Sprachwissenschaft erfolgreich verwendet. Die Relevanz des akademischen Sektors in der philippinischen Gesellschaft ist jedoch nicht sehr hoch, und so ist schwer festzustellen, ob das Werturteil erfolgreich nur auf eine geschlossene Elfenbeinturmelite zu beziehen ist oder auf eine allgemeine Akzeptanz in der Gesellschaft bezogen werden darf.

So hat bisher Filipino-Tagalog nicht beweisen können, ob es eine geeignete Sprache für die Kommunikation eines modernen Landes im 21. Jahrhundert werden kann. Nahezu alle Anzeichen sprechen dafür, dass eine gute potenzielle Eignung dafür besteht. Tatsache ist jedoch, dass die heutige Leistungsfähigkeit der Sprache sehr beschränkt ist. Wir führen dies jedoch auf mangeldes Interesse an Pflege und Weiterentwicklung zurück und nicht auf prinzipielle Inferiorität der Sprache.

Bei Filipinos bleibt der berechtigte Eindruck, dass ihre Sprache für das moderne Leben nicht taugt. Da in den letzten 50 Jahren - vermutlich wegen des Glaubens, dass die eigene Sprache veraltet und nicht mehr notwendig sei - sprachliche Pflege und Weiterentwicklung kaum stattgefunden haben, ist die Sprache besonders bei der jüngeren Generation vollständig unattraktiv. Für viele einfache Begriffe des täglichen Lebens gibt es keine landessprachlichen Wörter (Beispiele Rizal street, bank account, bedspacer) oder sie werden als hoffnungslos veraltet angesehen (Beispiele kasintahan = 'boyfriend', bughaw = 'blue'). So ist es verständlich, dass die meisten Filipinos ihrer Sprache keinerlei Wert beimessen und in Englisch zu flüchten suchen, das alles ausdrücken kann, was das Leben im 21. Jahrhundert lebenswert macht. Die eigene Sprache eignet sich nur noch für ein paar alltägliche Probleme, die das moderne Leben noch nicht erfasst hat, oft wird sie in eine Art Heimatmuseumbereich verdrängt.


4.4 Filipino als "Wir"-Sprache   (• Wir)

Im vorstehenden Abschnitt wurde deutlich gemacht, warum Filipinos ihre Muttersprache nicht mögen und nicht schätzen. Trotzdem leben diese Sprachen fast uneingeschränkt fort. Dafür sind mehrere Gründe anzuführen. Oben wurde bereits dargestellt, dass die Englischkenntnisse oft nicht ausreichen, um es zur Muttersprache zu erheben, die auch in kritisch-emotionellen und intimen Situationen als das geeignete Mittel des sprachlichen Austausches dienen kann. Hinzu kommt, dass auch heute noch das forsche, westliche Englisch vermutlich als unpassend angesehen wird, wenn man sich in der Intimität der Gefühle und Beziehungen in der Familie oder Sippschaft befindet, selbst wenn man sich nach außen hin forsch-westlich gibt. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass auch heute noch ein festes archaischen Familien- bzw. Sippengefüge besteht, das von dem westlichen induviduellen Leistungsdenken Welten entfernt ist. Man kann schlecht in Englisch eine entfernte Tante um ein Darlehen anbetteln, das man für die Krankenhausrechnung des Bruders braucht und von dem man selbst und auch die Tante wissen, dass das Geld vermutlich niemals zurückgezahlt werden wird.

Im philippinischen Familien- und Sippengefüge sind in den letzten Jahrzehnten erhebliche Änderungen erzwungen worden. Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen mussten sich einzelne Familienmitglieder räumlich von ihrer Familie trennen. Gastarbeiter (balikbayan) und Beschäftigte in den Großstädten (bedspacer) sind die beiden wichtigsten Gruppen. In der neuen Umgebung hat man mit anderen Filipinos eng zusammenzuleben und auszukommen, die in der Regel aus anderen Teilen des Landes stammen. Insbesondere in Übersee schaffen die Gemeinsamkeiten der Sprache ein neues Wir-Gefühl, und unbewusst erfährt man die oben beschriebene Ähnlichkeit der verschiedenen philippinischen Sprachen und Dialekte. So wird die Muttersprache in möglicherweise etwas abgewandelter Form des Filipino-Tagalog zu "unserer" Sprache. Da in erster Linie Angehörige der unteren Mittelklasse und der Unterklasse dieses Erleben haben (und auch hier persönlich-intime Themen wichtig sind), kommt Englisch als Alternative nicht in Betracht.

Die großen Gemeinden philippinischer Emigranten in den Vereinigten Staaten und auch in Kanada suchen nach Gemeinsamkeiten und nach Verbindung zu ihrem (früheren) Heimatland, wobei die Region der Herkunft nur noch eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Hier bietet sich die gemeinsame Sprache Filipino an, die sich nicht nur von der Landessprache Englisch unterscheidet, sondern auch emotionell ein "Wir-Filipinos"-Gefühl schafft.


4.5 Filipino in Politik, Wirtschaft und Kultur   (• Politik)

Filipino wird in der offiziellen Politik kaum verwendet. Weder Regierende noch Regierte sehen das demokratische Bedürfnis eines ständigen Dialoges. So sieht ein Filipino, der kaum Englisch kann, kein Problem, dass sich die Politik seines Landes in einer ihm nicht zugänglichen Sprache abspielt. Auf der anderen Seite unternehmen die Regierenden verständlicherweise keine Schritte, um die Transparenz zu erhöhen und den Regierten "Rede zu stehen".

Auch weite Bereiche des Wirtschaftslebens scheuen eine Transparenz, die eine Kommunikation mit dem Durchschnitts-Filipino erfordern würde, die dieser auch nicht erwartet. Von Transaktionen der Hochfinanz bis zur Deklaration von Lebensmitteln beschränkt sich die Kommunikation auf diejenigen, die Englisch sprechen.

Anders im Bereich des Marketing, in dem das kommerzielle Fernsehen eine wichtige Rolle spielt. Letzteres hat inzwischen das Land nahezu flächendeckend erreicht, und für die meisten Filipinos ist das Fernsehen die wichtigste Informationsquelle. Es wird ausschließlich von der Werbung finanziert, und die von den Marketingexperten (in Englisch) verfassten Berichte zeigen, dass die Mutter- bzw. Landessprache oder deren Taglishversion ein geeigneteres Kommunikationsmedium für die Mehrheit der Filipinos ist als Englisch. Aus technischen Gründen kann es landesweit im Fernsehen nur eine lokale Sprache geben, und hier hat sich ein weiteres (und wirtschaftlich relevantes) Feld gebildet, in dem sich Filipino als Landessprache ausbreitet.

Neu in den Philippinen sind synchronisierte Fernsehserien nicht englischsprachigen Ursprunges (z.B. aus Mexiko oder Taiwan). Aus den obengenannten Gründen werden sie in Filipino und nicht in Englisch sychronisiert. Hier erhält die Sprache Filipino eine besondere Wertschätzung, was die hohe sprachliche Qualität dieser Synchronisationen erklärt.

Sehr beschränkt sind die Versuche, ein Kulturleben mit Filipino als sprachlichem Träger zu entwickeln. Mangelnde praktische Eignung der Sprache mag hier mitspielen, so dass Filipino häufig nur für zeremoniell-formale Texte und Bezeichnungen verwendet wird.

Eine von vielen Seiten als wertlos betrachtete Muttersprache ist der Entwicklung der philippinischen Literatur nicht zuträglich gewesen. Die wenigen Buchhandlungen führen neben englischsprachigen Büchern nur sehr wenige Bücher in Filipino. Landesspezifische Bücher (z.B. über landschaftliche Kultur und Geschichte oder über Flora und Fauna) werden kaum verlegt, weder in Englisch noch in Filipino. Der Gesamtmarkt an Büchern und auch Zeitschriften ist verhältnismäßig klein (mit Ausnahme nachgedruckter amerikanischer Fachbücher), da Bücher verständlicherweise nur von denen erworben werden, die sie lesen können.

Besonders traurig ist die Situation bei Kinderbüchern. Es gibt einige inhaltlich und zeichnerisch ausgezeichnete Kinderbücher (leider oft druck- und bindetechnisch sehr schlecht), deren Akzeptanz jedoch sehr gering ist. Wer in den Philippinen ein Buch für seine Kinder kauft, kann Englisch sprechen. Es gibt fast keine Bücher für philippinische junge Eltern, die die geistige und gesundheitliche Entwicklung ihrer Kinder begleiten könnten, in einem kinderreichen Land sicher ein ernstes Problem für die zukünftigen Chancen dieses Landes.

Es gibt beinahe keine Fachzeitschriften in Filipino (es fehlen daher Fachausdrücke) und auch keine philippinischen Fachzeitschriften in englischer Sprache. So haben Anbieter von neuen Produkten und Ideen keinerlei inländische Möglichkeiten, ihre Gedanken und Geschäftsideen in Artikeln und Anzeigen zu verbreiten. Gleiches gilt für Hobby- und ähnliche Zeitschriften.

Dass es ein weitgehendes Bedürfnis an filipinosprachigen Büchern gibt, beweisen die viel gelesenen und oft ausgeliehenen "Groschenroman"-Heftchen.


4.6 Informeller Gebrauch von Filipino   (• Informell)

Auf den ersten Blick ist der Umerziehungsprozess Projekt Thomas ungemein erfolgreich gewesen. Wer als Besucher in die Philippinen kommt, sieht ein englischsprachiges Land vor sich. Im Hotel gibt es englischsprachische Zeitungen. Speisekarten und auch die Hotelrechnung sind in Englisch. Im Supermarkt und in anderen Geschäften findet man alle Produkte mit englischen Beschriftungen. Betritt man eine der seltenen Buchhandlungen, wird man fast nur englischsprachische Bücher finden. Englisch ist die geschriebene Amts- und Handelssprache. Gesetze, Steuererklärungen, Verträge und Geschäftskorrespondenz sind in Englisch. Man sieht also nur Englisch.

Anders wird das Bild, wenn man Philippinen zuhört. Zunächst versucht jeder Filipino, zu einem Ausländer Englisch zu sprechen. Im großstädtischen Bereich ist häufig sein Englisch ausgezeichnet. In weit abgelegen Provinzen können sich die Englischkenntnisse auf ein paar einfache Sätze beschränken. Insofern ist der häufig gehörte Satz richtig "In den Philippinen spricht jeder Englisch".

Wie sprechen die Filipinos untereinander? Zu Hause wird in beinahe allen Familien Filipino (mit mehr oder weniger lokalem Dialekt) gesprochen {3*}, zu erwähnen sind noch chinesischsprechende Familien chinesischer Abkunft (es gibt auch chinesischsprachige Zeitungen). Der Verfasser schätzt, dass in weniger als 10 Prozent der philippinischen Familien (beide Elternteile Filipinos) am Familientisch Englisch gesprochen wird. Das bedeutet, das auch heute noch für 90 Prozent der Filipinos Englisch nicht die Muttersprache ist. Es ist auch der Satz richtig "In den Philippinen spricht fast niemand Englisch".

Geht man in verschieden Grundschulen, zeigt sich ein differenzierteres Bild. Privatschulen (und etwa die Hälfte der Kinder gehen auf private Schulen) haben nahezu ausschließlich englische Schulnamen, bei staatlichen Schulen kann etwa gleich häufig Paaralang elementarya und 'Elementary School' lesen. Man wird fast nur englischsprachige Schulbücher finden und auch im Schulsekretariat wird Englisch geschrieben und gelesen. In den Klassenzimmern wird man häufig die Situation antreffen, dass der Lehrer eine Rechenaufgabe, die in Englisch im Buch steht, zunächst in Englisch erklärt und bei Unverständnis in der Schülerschaft - und das kommt häufig vor - das Ganze in Filipino wiederholt. Das ist zwar "illegal", aber oft pädagogisch erfolgreich. In den Schulpausen ist es unterschiedlich. In den Dorfschulen hört man dann kein Wort Englisch mehr. In besseren Privatschulen wird das magtagalog (= sich in Tagalog unterhalten) im Schulhof bestraft.

Wenn man in ein Büro oder zu einer Behörde geht, sieht man auf den Schreibtischen wieder nur englischsprachige Papiere. Vom Umgang mit Ausländern abgesehen, wird man ein interessantes Sprechverhalten feststellen. Die englischsprachigen Papiere werden in Englisch gelesen. Je weiter man sich vom Papier entfernt, desto weniger Englisch und desto mehr Filipino hört man. Nun folgen die englische und die filipinische Grammatik beim Satzbau völlig verschiedenen Gesetzen. Es gibt also einen Umkipppunkt im Gespräch. Erst werden filipinische Wörter in englisch konstruierte Sätze eingefügt, und dann plötzlich englische Wörter in filipinische Sätzen verwendet. Dabei werden die filipinischen Beugungsregeln korrekt auf die englischen Wörter angewandt (Iteteks kita. = Ich werde dir/Ihnen eine Kurznachricht schicken).


5 Sprache in der Welt heute   (• Welt)

5.1 Sprache und Globalisierung   (• Global)

Die englische Sprache ist heute so in der ganzen Welt verbreitet, dass sie unangefochten die Verkehrssprache der Globalisierung ist. Globalisierung ist ein an sich wertneutraler Prozess. Entscheidend ist, wie und mit welchem Erfolg ein Land oder eine Gruppe an diesem Prozess teilnimmt. Ausreichende Beherrschung der englischen Sprache ist unzweifelhaft eine Bedingung dafür. Es gibt jedoch weitere Kriterien, die offenbar wichtiger für diesen Erfolg sind. Dazu gehört zunächst die Überzeugung, dass man sich in der Welt behaupten kann und ein fester Wille, dies auch zu tun. Eine stabile Gesellschaft, die Dynamik und Innovation als wesentlich betrachtet, ist die beste Grundlage dafür. Als nächstes müssen Kompetenzen auf Gebieten vorhanden sein, die für andere Teilnehmer an der Globalisierung so interessant sind, dass diese an ihnen teilhaben möchten. Diese Kompetenzen müssen kreativ und dynamisch fortentwickelt werden. Man kann nur exportieren, was man selber gut kann, und das beweist man am besten in einem anspruchsvollen Inlandsmarkt. Darauf beruhen die weltweiten Erfolge so unterschiedlicher Firmen wie McDonald's, Sony und BMW.

Erfolgreiche Entwicklungsländer haben Kompetenzen auf dem Gebiet der Produktion (Waren und Landwirtschaft) erworben und diese in Marketing und Produktentwicklung ausgebreitet. Auf diesen technischen Gebieten ist fachliche Kompetenz entscheidender als Beherrschung von Fremdsprachen. Die Philippinen sind einen anderen Weg gegangen, sie streben Kompetenzen im unteren Dienstleistungsbereich an (Gastarbeiter und Call centers). Vermutlich entsteht dadurch eine Überbewertung der Sprachkenntnisse über technische Fachkenntnisse.

Umfangreiche Kenntnis der englischen Sprache als Waffe im internationalen Konkurrenzkampf bleibt bedeutend, kann aber nur noch selten als entscheidender Vorteil gegenüber anderen betrachtet werden. Mehr und mehr Länder unternehmen erfolgreich Anstrengungen, die für den Prozess der Globalisierung erforderlichen Englischkenntnisse zu vermitteln. Damit wird Englischsprechen eine von allen erfüllte Vorbedingung für die Teilnahme am Spiel. Sprachkenntnisse, die dann noch die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen können, sind Kenntnisse der Landessprachen der Zielmärkte. Hier sind Länder, die Englisch als Mutter- oder Verkehrsprache haben, potentiell im Nachteil. Was die sprachliche Seite betrifft, sind ihre Märkte weit offen für alle Spieler im Welthandel, während dieselben Länder häufig Schwierigkeiten haben, sich auf anderssprachigen Märkten erfolgreich zu betätigen.


5.2 Sprache und nationale Identität   (• Identität)

Der Begriff Nationale Identität nimmt in der politischen und akademischen Diskussion in den Philippinen einen wichtigen Platz ein. Einerseits vermutet man, dass eine größere nationale Identität viele der Probleme des Landes von selbst lösen würde. Andere befürchten, dass eine größere nationale Identität das Land von den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt wegdriften lassen könnte.

Außerhalb der Philippinen kann man bemerken, dass nationale Identität regelmäßig ein Streitpunkt ist, wenn man bestehende territoritale Grenzen durch Teilung oder Separation verändern möchte oder wenn man Abhängigkeitsverhältnisse beseitigen möchte. Von nationaler Identität sprechen die, die sie nicht zu haben glauben. Sind territoriale Fragen nicht relevant, spielen nationale Identität und Nationalstolz nur eine untergeordnete Rolle in der Politik und im täglichen Leben.

Häufig werden Muttersprache und nationale Identität in engen Zusammenhang gebracht, dies ist jedoch nicht zwingend. In Indonesien hat die Landessprache Bahasa Indonesia sicher einen integrierenden Einfluss in diesem riesigen Inselreich. Andererseits beweisen die Vereinigten Staaten (die Landessprache wird mit anderen Ländern geteilt) oder die Schweiz (mit mehreren Landessprachen), dass eine einzigartige Landessprache keineswegs erforderlich ist, um eine eine Nation zusammenzuhalten. Ein US-Amerikaner und ein Engländer haben unzweifelhaft unterschiedliche nationale Identität, während deutsch- und französischsprachige Schweizer sich als Schweizer fühlen und nicht als Deutsche oder Franzosen.


5.3 Muttersprache in der Schulbildung   (• Muttersprache)

Das Vorschulkind lernt nahezu alles in seiner Muttersprache, das Verständnis seiner sozialen und physischen Umgebung, Selbstverständnis und Selbstbehauptung. Hier wird ein Kapital angesammelt, das - sinnvoll eingesetzt - bei der schulischen Erziehung von ungeheurer Wichtigkeit ist {5.3*}. Die Länder, die heute als Bedrohung für die Philippinen angesehen werden, haben dies erkannt. Weder in China, noch in Indonesien oder Malaysia wird die Muttersprache durch Englisch ersetzt. Selbst auch nur der Gedanke daran, dass man in chineschen Schulen Chinesisch zugunsten von Englisch ersetzen könnte, erscheint absurd (und der Unterschied zwischen chinesischen Sprachen und Dialekten ist sicher viel größer als der zwischen Tagalog und Cebuano). Denken und Sprechen in der Muttersprache regen die Kreativität an. Alle diese Länder, die äußerste Anstrengungen unternehmen, in einer globalisierten Welt einen angemessenen Platz zu finden, setzen ihre Muttersprache ein, innerhalb des Landes Kräfte freizusetzen, die ihnen Stärke verleihen im internationalen Wettbewerb, in dem man sich dann der Fremdsprache Englisch bedient.

Nicht nur beim Erlernen von Mathematik und Naturwissenschaften spielt die Muttersprache eine wichtige didaktische Rolle. Selbst Englischunterricht kann leichter und effizienter sein, wenn man die eigene Muttersprache dabei zu Hilfe nimmt, anstelle von einem Punkt Null zu beginnen.

In den mit den Philippinen konkurrierenden Ländern stellt sich eine Frage "Muttersprache oder Englisch" überhaupt nicht. Thema der Diskussion dort ist, wann und wie welche der beiden am sinnvollsten in Wirtschaft, Schule und Gesellschaft eingesetzt werden kann. Englisch ist die Weltsprache der Globalisierung. Das ist außerhalb der Philippinen die Motivation, es zu erlernen. Der Chinese lernt nicht Englisch, weil er die Amerikaner liebt oder gar dorthin emigrieren möchte. Er will in den nächsten Jahren modernste Airbus-Flugzeuge in China bauen.


6 Bewertung des Projekts Thomas   (• Thomas, • Bewertung

6.1 Schülerleistungen   (• Leistung)

Wir wollen versuchen, den Erfolg des Projektes Thomas an den Zielstellung der PISA-Studie des "lebenslangen Lernens" zu messen. Leider gibt es keine gesicherten Daten, wie philippinische Schüler bei einer solchen Studie bewertet würden. Wir wollen Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften und die Muttersprache betrachten.

Beginnen wir mit Englisch: Zunächst haben wir festzustellen, dass in der PISA-Studie Fremdsprachenkenntnisse nicht bewertet wurden. In der Kenntnis des Englisch hat das philippinische Projekt Thomas sicher seine besten Ergebnisse erzielt. Einige Filipinos sprechen sehr gut (amerikanisches) Englisch, viele sprechen gut Englisch, eine weitere Gruppe kann bestimmte Texte in Englisch lesen und verstehen (spricht aber ein für Ausländer nur ein wenig verständliches "Pilipinong Pinglish"). Bei Englischkenntissen (wenn man Englisch als Fremdsprache bewertet) schneiden die Philippinen im Vergleich mit ihren asiatischen Nachbarn nicht schlecht ab.

Nach den Vorgaben von Projekt Thomas hätte man jedoch die Englischkenntnisse in den Philippinen als die nach PISA erforderliche "Lesekompetenz" mit Muttersprachenkenntnissen in anderen Ländern zu vergleichen. Voraussichtlich würden dann die Filipinos weit zurückliegen.

In Mathematik und Naturwissenschaften ergibt sich ein eindeutiges Bild. Man muss ohne Übertreibung sagen, dass im Vergleich mit allen vergleichbaren Ländern die Philippinen katastrophal abschneiden. Viele Fachschulabsolventen können einfache Prozent-Aufgaben nicht erfolgreich lösen, der Dreisatz ist unbekannt, Kopfrechnen besteht nicht (beim Einkauf von 98 PHP rechnet die Kassierin auf dem Taschenrechner 100 - 98 = 2). Der Stellenwert von Mathematik und Naturwissenschaften ist in einem Entwicklungsland wie den Philippinen von ungeheuerer Bedeutung. Die Erfahrung zeigt, dass Länder auf dieser Entwicklungsstufe sich am schnellsten durch erhöhte Warenproduktion und Verbesserungen in der Landwirtschaft entwickeln. Dazu benötigt man viele und qualifizierte Ingenieure, und die lassen sich mit schlechten mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnissen kaum ausbilden. Man ist in den Philippinen häufig stolz auf die "englischsprechenden Ingenieure". Aber leider gilt auch der Satz "Philippinische Ingenieure sind gut in Englisch, aber chinesische Ingenieure sind gute Ingenieure".

Hat dieser schlechte Kenntnisstand ursächlich mit dem Projekt Thomas zu tun? Wir glauben ja und möchten einen philippinischen Freund von uns zitieren: "Schlecht englischsprechende Lehrer lehren Mathematik und Naturwissenschaften in Englisch. Schüler, die kaum Englisch verstehen, lernen fast nichts."

Ein anderer Gesichtspunkt ist sicher weiterer Untersuchung wert: Wenn ein Kind in einer Fremdsprache lernt, entwickelt es dann die gleiche Kreativität im Denken wie beim Lernen in der Muttersprache? Oder ist die Kreativität niedriger, selbst wenn es die Fremdsprache gut beherrscht? Wir haben von Untersuchungen in Hongkong über das Lernen von Kindern aus chinesischsprachigen Familien in Schulen mit englischer oder chinesischer Unterrichtssprache gehört. Demnach war Lernen in der Muttersprache deutlich erfolgreicher. So sollen sogar nach einiger Zeit die Englischkenntnisse an chinesischsprachigen Schulen besser gewesen sein als an englischsprachigen Schulen.

Bei der Beurteilung der Kenntnisse in der Muttersprache, die bei PISA als "Lesekompetenz" an erster Stelle stand, scheiden sich die Geister. Als überzeugter "Thomaner" kann man sagen: Die Filipinos brauchen gar keine Muttersprache mehr, da sie das Englisch haben. Das mag von der Absicht her richtig sein, aber ist nicht zutreffend. Wie oben erwähnt, ist Englisch nicht die Muttersprache des überwiegenden Teiles der Filipinos.

Es fällt einem Ausländer schwer, die Muttersprachenkenntnisse in einer für ihn sehr abweichenden Fremdsprache mit denen in seiner eigenen Muttersprache zu vergleichen. Was man tun kann, ist die Kenntnis der philippinischen Sprache von Filipinos untereinander zu vergleichen. Zusätzlich kann man das Unterrichtsmaterial in den Schulen studieren. Nach unseren Vermutungen sind die Kenntnisse der philippinischen Sprache an PISA-Maßstäben gemessen nicht überwältigend. Hier besteht sicher ein ursächlicher Zusammenhänge mit dem Projekt Thomas, da dieses der Muttersprache einen geringen Stellenwert zuweist. Zum Schluss eine vielleicht zynische, aber leider zutreffende Bemerkung: Qualifizierte Kenntnisse in der philippinischen Sprache für "lebenslanges Lernen" sind nicht erforderlich, da es kaum Bücher und andere Weiterbildungsmöglichkeiten in der Muttersprache gibt.


6.2 Gesellschaftliche Auswirkungen des Projektes Thomas   (• Auswirkungen)

Eine internationale Organisation, die sich die Bekämpfung von Bestechung als Aufgabe gestellt hat, trägt den Namen "Transparency International". Transparenz wird als eine der Grundbedingungen angesehen, um der Bestechung gegenarbeiten zu können. Das Projekt Thomas hat nun - wenn auch unbeabsicht - eine völlige Nicht-Transparenz auf sprachlichem Gebiet zur Folge. Das beginnt mit Dingen im täglichen Leben. Die Straßenverkehrsordnung ist in Englisch abgefasst, aber niemand kennt sie, weder der Verkehrsteilnehmer noch der Polizist auf der Straße. Ein Taschenbuch zu diesem Thema haben wir in den letzten zwanzig Jahren in keiner Buchhandlung gefunden (weder in Englisch noch in Filipino). Oben wurde erwähnt, man schreibe anders als man spricht. Das ist bestimmt kein Beitrag zur Transparenz. Dazu ein Beispiel aus dem politischen Leben: Wahlreden werden fast ausschließlich in Filipino (oder in einem lokalen Dialekt) gehalten. Nach der Wahl wird im Parlament Englisch gesprochen und in den großen Zeitungen in Englisch darüber berichtet. Die Mehrheit der Bevölkerung ist also prinzipiell nicht in der Lage, die Einhaltung von Wahlversprechen zu überprüfen.

Wenn man Bestechung genauer betrachtet, so wird sie durch das Vorhandensein komplizierter und unverständlicher Regeln erheblich gefördert. In Englisch abgefasste Gesetze, die weder Bürgern noch Gesetzeshütern zugänglich sind, leisten der Korruption Vorschub (siehe Aufsatz Bestechung als Wirtschaftszweig). Unter dieser Sicht ist Projekt Thomas, wie es sich entwickelt hat, der Korruption förderlich.

Für das gesellschaftliche Selbstverständnis hat sicherlich die Sprache einen wichtigen Einfluss. Ein Land, das mehr als 400 Jahre unter Kolonialherrschaft gelebt hat, hat mehr Bedarf an Nationalbewusstsein als z.B. ein Land wie China mit 4000 Jahren staatlicher Tradition. Wenn ein Kind innerhalb und außerhalb der Schule erfährt, dass seine Muttersprache minderwertig und überflüssig ist, wird das sicher Folgen für sein Selbstverständnis haben. Es wird sich und seine Mitbürger als minderwertig gegenüber Ausländern (insbesondere US-Amerikanern, da die alle sehr gut Englisch können) betrachten. Dies hat groteske Folgen. Wenn ein Wachmann die Handtaschen vor Betreten eines Einkaufszentrums inspiziert, werden langnasige und hellhäutige Ausländer meist davon ausgenommen.

Die Zweisprachigkeit, das offizielle Englisch und das ignorierte Philippinisch, hat erheblichen Einfluss auf Chancengleichheit und persönliche und berufliche Entfaltung. Für nahezu alle qualifizierten Arbeitsplätze werden englische Sprachkenntnisse vorausgesetzt (z.B. Kassiererin in einem Schnellimbiss). Damit wird der Mehrheit der Bevölkerung jede Chance genommen, sich beruflich zu qualifizieren. Eine Ausnahme sind politische Ämter, aber diese sind meist fest in "Familienbesitz". Es mag in diesem Zusammenhang interessant sein, dass multinationale, also ausländische Firmen bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter weitgehend von der filipinischen Sprache Gebrauch machen (wenn auch schriftliches Unterrichtsmaterial fast ausschließlich in Englisch abgefasst ist).


6.3 Wirtschaftliche Auswirkungen des Projektes Thomas   (• Wirtschaft)

Die Englischkenntnisse, die durch das Projekt Thomas vermittelt werden, haben sicher einen positiven Einfluss auf die internationale Mobilität der Menschen. Es gibt kaum ein anderes Land der Welt, in dem so viele Menschen im Ausland arbeiten, um ihre Familien zu Hause zu ernähren. Es handelt sich um vier bis sechs Millionen Gastarbeiter. Es gibt beinahe kein Seeschiff auf der Welt, auf dem nicht philippinische Seeleute arbeiten. Die meisten Gastarbeiter kommen aus der Unterklasse und unteren Mittelklasse und sie üben im Ausland wenig qualifizierte Tätigkeiten aus (hauptsächlich Hausangestellte). Ausnahmen sind qualifizierte Krankenschwestern und Facharbeiter. Bei der Bewertung der hohen Anzahl der Gastarbeiter kann man zu gegensätzlichen Schlüssen kommen. Man kann stolz auf die vier Millionen im Ausland sein und die guten Englischkenntnisse dafür verantwortlich machen. Man kann aber auch argumentieren, dass diese vier Millionen Menschen offenbar keine ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten im eigenen Land finden, um ihren Familien ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Ein anderer Gesichtspunkt ist, dass diese Gastarbeiter offiziell etwa 8 Mrd. USD (und vermutlich einen Betrag in gleicher Größenordnung über schwarze Kanäle) jährlich ins Land bringen und in Kaufkraft umsetzen. Das ist ohne Zweifel eine dauerhafte Stärkung der philippinischen Wirtschaft und Zahlungsbilanz. Es bleibt offen zu schätzen, wie groß der Vorteil für die Volkswirtschaft wäre, wenn diese Menschen im eigenen Land arbeiten könnten.

Eigentümer oder Betriebsleiter von kleineren Betrieben sind meist nicht in der Lage, Geschäftsbriefe und vergleichbare Schreiben in ausreichender Qualität (weder in Englisch noch in Filipino) abzufassen. Sie müssen dann auf mündliche Verabredungen ausweichen, was den Geschäftsverkehr erschwert und häufig nicht erlaubt, größere Projekte zu gewinnen und abzuwickeln. Dadurch entstehen Ausfälle in der Wirtschaftsleistung und zusätzlich erhebliche Wettbewerbsverzerrungen, da große und ausländische Betriebe diese Probleme nicht haben. So können z.B. kleinere oder mittelständische Restaurants kaum mit den großen Schnellimbissketten konkurrieren.

Beim philippinischen Verbraucher gelten philippinische Produkte als minderwertig (und sind es häufig auch). Inwieweit das mangelnde nationale Selbstbewusstsein auch dazu beiträgt, ist schwer zu quantifizieren.

In vielen Ländern erweisen sich Sprachbarrieren als Handelsbarrieren oder werden zu solchen gemacht. Da in den Philippinen keinerlei Vorschriften für Beschriftung in der Landessprache bestehen, werden Importe zu Lasten einheimischer Produkte vorgezogen. Insbesondere wird Schmuggel vereinfacht, wenn beim Verkauf keine Sprachvorschriften zu beachten sind. Kleinere philippinische Unternehmen müssen dem Brauch folgen und ihre Produkte in Englisch beschriften, um nicht hinterwäldlerisch zu gelten.

Vom Gesichtspunkt des Verbraucherschutzes sind Hersteller in einer guten Position, wenn sie ihr Produkt in einer anderen Sprache deklarieren können als in der, die der Kunde versteht, ein zusätzlicher Gesichtspunkt zum Thema fehlende Transparenz. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass der finnische Telefonhersteller Nokia die Gebrauchsanweisungen für einige seiner Produkte in den Philippinen zweisprachig hatte und auf dem Telefon die Sprachwahl "Filipino" erlaubte.

Mangelnde Qualifikations- und Aufstiegschancen für viele Menschen tragen sicher nicht zur Stärkung der Wirtschaftskraft des Landes bei. Da es ein starkes regionales Gefälle der Englischkenntnisse gibt, wird damit ein möglicher Anreiz, in strukturschwachen Gegenden zu investieren, geschwächt.

Der Gesamteinfluss von Projekt Thomas auf die philippinische Wirtschaft ist verständlicherweise nicht zu quantifizieren. Tatsache ist die kontinuierlich schwache wirtschaftliche Entwicklung der Philippinen. Alle asiatischen Nachbarn haben die Philippinen wirtschaftlich überholt, nur Indonesien und Vietnam haben (noch) ein niedrigeres Bruttosozialprodukt. Das bezieht sich nicht nur auf die inländische Wirtschaftsleistung, sondern erstaunlicherweise auch auf die Exportleistung, wo doch eigentlich die Philippinen einen Wettbewerbsvorsprung durch Projekt Thomas haben sollten. Der Anteil ausländischer Unternehmen in den Philippinen ist erheblich höher als in den Nachbarländern, was zu einem stärkeren Gewinnabfluss ins Ausland führt. Eine zunehmende Zahl von internationalen Unternehmen schließt ihre Produktionsstätten in den Philippinen, um von anderen ASEAN-Ländern (mit eigener Muttersprache) den philippinischen Markt zu beliefern.


6.4 Die Nutznießer von Projekt Thomas   (• Nutznießer)

Projekt Thomas hilft, die pseudodemokratische, in Wirklichkeit aber ständisch-feudalistische politische Struktur der Philippinen zu erhalten. Die herrschende politische Elite kann ihren eigenen Machterhalt sichern, Fortschritte weitestgehend verhindern, ohne dafür Verantwortlichkeit übernehmen zu müssen. Im zaristischen Russland sprach die Elite Französisch und versuchte dadurch, einen "natürlichen" Abstand zwischen sich und dem gemeinen Volk zu schaffen. Keiner wird zugeben wollen, dass er aus Gründen der Machterhaltung an der Trennung von Amts- und Handelssprache einerseits und Muttersprache andererseits lebenswichtiges Interesse haben kann. Aber es mag doch vorkommen, dass der eine oder andere Politiker mal einen Alptraum haben könnte, wenn seine Wähler die Kommentare über sein politisches Verhalten in den Tageszeitungen lesen und verstehen könnte. Was wäre, wenn jeder kleine Angestellte, Arbeiter oder Bauer seine Rechte nachlesen oder in seiner eigenen Sprache einfordern könnte?

Projekt Thomas hilft, der Ober- und Mittelschicht gesellschaftliche Privilegien zu erhalten, damit die Gesellschaft immobil zu halten und die große unterpriviligierte Mehrheit an gesellschftlicher, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung zu hindern. Müsste sich der Vater einer Mittelstandsfamilie nicht ernste Gedanken darüber machen, wenn seine Kinder, die in Privatschulen Englisch gelernt haben, jetzt in einen fairen Wettbewerb mit Filipino-sprechenden Mitbewerbern aus den Provinzen um Arbeitsplätze und Karriere zu kämpfen hätten?

Nach Aussagen von Fachleuten soll es in den Philippinen viel Korruption geben. Das geht hin bis zur Behauptung, dass das gesamte öffentliche Leben bewusst untransparent gehalten wird, um sich ungehindert und ungestraft durch Korruption Macht und Reichtum zu erhalten bzw. zu erlangen. Transparenz im Sinne von sprachlicher Klarheit würde vermutlich weder von Bestechern noch Bestochenen begrüßt. Hätte nicht mancher Finanzbeamte sein Verhalten etwas zu ändern, wenn die Steuerzahler die Steuererklärungen richtig lesen und verstehen würden? Könnte sich der Gesetzgeber selbst weiterhin Privilegien sichern, wenn Verabschiedung und Ausführung der Gesetze transparenter wären?

Nutzniesser von Projekt Thomas sind vieler Großbetriebe, vorwiegend Töchter transnationaler Unternehmen. Sie können sich englischsprechende Angestellte, Anwälte und Steuerberater leisten und sich damit Vorteile gegenüber konkurrierenden Kleinbetrieben verschaffen. Andererseits können sie in ihrer Werbung immer auf Filipino umschalten, wenn sie auf großen Werbetafeln den "kleinen Mann" von ihren Produkten und Dienstleistungen überzeugen wollen. Im Verhältnis zu den Kunden ist immer einfacher, wenn diese das Kleingedruckte nicht verstehen. Das gilt nicht nur für Banken und Versicherungen, sondern z.B. auch für die Angabe der Zutaten bei Lebensmitteln.

Ausländische Mächte, insbesondere dem englischen Sprachraum angehörende, werden sicher nicht daran interessiert sein, eine philippinische Nationalsprache zu fördern und damit Selbstwertgefühl und Eigenständigkeit der Filipinos zu erhöhen.

Eine philippinische Nationalsprache könnte nachkoloniale Bindungen schwächen, und die Filipinos könnten sich mehr an den nicht englischsprachigen Nachbarländern orientieren, insbesondere an Indonesien und Malaysia, wo verwandte Sprachen gesprochen werden. Hat nicht auch Großbritannien als das einzige englischsprachige Land in Europa regelmäßig besonders enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten? Macht nicht Frankreich große Anstrengungen, um die frankophonen Länder zusammenzuhalten?

Ein letzte Gruppe von Thomas-Befürwortern ist noch zu erwähnen: Es sind Menschen in den nicht-Tagalog-sprechenden Teilen des Landes, die angeblich unter der Tagalog-Lastigkeit des Filipino leiden. Sie argumentieren (oder es wird ihnen erzählt so zu argumentieren): Besser Englisch als eine philippinische Nationalsprache, die aus der Nachbarprovinz kommt.


6.5 Die Benachteiligten von Projekt Thomas   (• Nachteil, • Benachteiligte)

Die Hauptleidtragenden von Projekt Thomas sind die Filipinos, die der Theorie nach Englisch gelernt haben sollten, es aber nicht gelehrt bekommen oder gelernt haben. Dies sind Millionen Menschen, vorwiegend aus ländlichen Gebieten und aus den unteren sozialen Schichten. Sie haben schlechte Berufsaussichten, in ihre ländlichen Gebiete kommt weder Infrastruktur noch Gewerbe. Sie können nicht mit den "Tonangebenden" kommunizieren.

Dazu kommen philippinische Kleinbetriebe, die sich englischsprechende Mitarbeiter nicht leisten können. Sie unterliegen der ausländischen Konkurrenz und den philippinischen Großbetrieben.

Die philippinische Wirtschaft vergibt jedes Jahr Milliarden, wenn sie an der Fiktion festhält, die Philippininen seien ein englischsprechendes Land. Wie viele Talente werden verschleudert, weil Kinder in der Schule etwas nicht lernen, nur weil sie die Unterrichtssprache nicht verstehen? Wie viel mehr gute Ingenieure könnte es in den Philippinen geben, wenn nicht Sprachwissen, sondern Ingenieurwissen entscheidend wäre? Wie viel Kaufkraft könnte in den ländlichen und entfernten Provinzen geschaffen werden, wenn die Sprachbarriere beseitigt wäre?

Wissenschaft und Geistesleben würden gefördert, wenn man seine eigene Sprache hätte. Das würde vermutlich das Bruttosozialprodukt nicht steigern (wie es übrigens Altertumsforschungen und Heimatmuseen in Deutschland auch kaum tun), aber eine kulturelle Bereicherung darf als Wert an sich gesehen werden. Mit einem verbreiterten Studium der eigenen Sprache erhielt die philippinische Wissenschaft ein eigenes Forschungsgebiet, auf dem sie kompetent werden und internationalen Forschungsaustausch betreiben könnte. Ähnliches gilt für eine eigenständige Literatur, wenn Lesen in der Muttersprache ein allgemeiner Brauch in weiten Kreise der Bevölkerung werden könnte.


7 Wege für die Zukunft   (• Zukunft)

7.1 Bestandsaufnahme   (• Bestand)

Wie oben dargestellt, ist Englisch nicht die Muttersprache der Filipinos geworden. Die einheimische Sprache Filipino ist nicht ausreichend akzeptiert und entwickelt, um als Landessprache zu dienen. Die Philippinen sind kein zweisprachiges oder gar englischsprachiges Land geworden, sondern sind in einem "doppelt-halbsprachigen" Zustand gelandet. Es ist schwer abzuschätzen, wie stark der Einfluss die Sprache auf das gesamte gesellschaftliche Geschehen ist. Augenfällig ist jedoch, dass diese verworrene Sprachensituation mit der schwachen Entwicklung des Landes zusammenfällt, die die Stellung des Landes in Südostasien in den letzten 50 Jahren von einer führenden Position zu einer am unteren Ende verändert hat.

Das Land ist wirtschaftlich und kulturell sehr ungleich entwickelt. Weite Teile des Landes haben wenig mehr als viele, arme und oft schlecht ausgebildete Menschen zu bieten. Diese Gegenden sind wirtschaftlich weder als Standort noch als Markt interessant, die regionalen Grenzen zwischen Arm und Reich verschieben sich kaum. Das quantitativ relativ aufwendige Schulsystem liefert unzureichende Ergebnisse. Das Land ist in verstärktem Maße vom Ausland abhängig. Millionen Filipinos sind gezwungen, den Lebensunterhalt für ihre Familen im Ausland zu verdienen. Mangelde unternehmerische Entfaltung und unzureichende Kapitalbildung erhalten eine wirtschaftliche Abhängikeit von ausländischen Firmen und Kapitalmärkten. Exportiert werden Menschen (Gastarbeiter), lohnveredelte Produkte (z.B. Montage von elektronischen Bauteilen) und wenig qualifizierte Dienstleistungen (Call Centers). Viele Filipinos müssen von einer rückständigen Landwirtschaft leben, die sich nur durch Importzölle und -quoten über Wasser halten kann. Der nicht restriktiven Bevölkerungspolitik der Philippinen stehen keine entsprechenden Maßnahmen bei der Schaffung von Arbeitsplätzen gegenüber. Wenn man den seriösen Tageszeitungen Glauben schenken kann, wird das politische Leben von Skandalen beherrscht. In internationalen Vergleichen schneidet das Land in zunehmenden Maße schlechter ab, da es sich auf fast allen Gebieten erheblich langsamer entwickelt als vergleichbare Länder.

Im Nachfolgenden werden wir drei besondere Problemgebiete näher betrachten.


7.1.1 Bestandsaufnahme:
Mangelnde Innovationsbereitschaft

In der philippinischen Öffentlichkeit wird allgemein anerkannt, dass das Land seinen Nachbarn in der wirtschaftlichen Entwicklung hinterher hinkt. Als ein wesentlicher Grund dafür werden Mängel im Bildungssystem gesehen. Dabei wird die Bedeutung der englischen Sprache hervorgehoben. Mangelnde Englischkenntnisse der gesamten Bevölkerung werden als der entscheidende Nachteil gesehen, der die wirtschaftliche Entwicklung hindert. Wir fügen hier einen Zeitungsartikel von Mai 2005 an, der typisch für die Diskussion ist {7.1.1*}

Man sollte vermuten, dass die heutige Situation der Philippinen Anlass zu erhöhten Anstrengungen ist. Das ist jedoch nicht immer der Fall, weil die negativen Auswirkungen sehr ungleich verteilt sind. Einflussreiche Gruppen betrachten die jetzige Sitation als vorteilhaft für sie. Verständlicherweise sind sie an Veränderungen nicht interessiert und suchen sie zu verhindern. Sie haben den Vorteil der Trägheit einer rückständigen Gesellschaft auf ihrer Seite.

Wie viele Talente werden verschleudert, weil Kinder in der Schule etwas nicht lernen, nur weil sie die Unterrichtssprache nicht verstehen? Wie viel mehr gute Ingenieure könnte es in den Philippinen geben, wenn nicht Sprachwissen, sondern Ingenieurwissen entscheidend wäre? Wie viel Kaufkraft könnte in den ländlichen und entfernten Provinzen geschaffen werden, wenn die Sprachbarriere beseitigt wäre? Aber das ist nur die eine Seite, aus anderer persönlicher Sicht mag die Fragestellung lauten: Würden diese Ingenieure und diese erhöhte Kaufkraft dazu führen, dass die seit mehreren Generationen ererbten Privilegien meiner Familie wertlos würden oder verschwänden?

Die fehlende Chancengleichheit verhindert die Entwicklung von Talenten, die das Land dringend braucht, die aber mit den jungen Menschen aus den etablierten Familien konkurrieren würden. So verhindert die Bürokratie den Aufstieg moderner Kleinunternehmen, die mit den althergebrachten Unternehmen in Wettbewerb treten könnten. Chancengleichheit und Bürokratie werden durch die sprachliche Situation beeinflusst. Wer nicht Englisch kann, hat keine Chancen für einen beruflichen Aufstieg. Die durch die "Doppelt-Halbsprachigkeit" entstehende mangelnde Transparenz ist ein guter Nährboden für Bürokratie und verwandte Phänomene.


7.1.2 Bestandsaufnahme:
Leistung des Schulsystems

Eine nähere Betrachtung verdient die schulische Ausbildung. Seit mehr als 100 Jahren besitzen die Philippinen ein ausgedehntes Schulsystem. Auch auf der letzten Insel gibt es Grundschulen; staatliche Schulen sind schulgeldfrei, und Eltern sind bereit, einen hohen Anteil ihres Familieneinkommens für die Erziehung ihrer Kinder aufzuwenden. Allerdings ist für viele ärmere Familien der Besuch einer schulgeldfreien Schule unerschwinglich, da relativ viel Geld für äußerliche Nebenkosten (Uniformen, verpflichtetes Pausenbrotgeld u.Ä.) aufzuwenden ist. Wenn man jedoch eine Zählung vornehmen würde, wie viele Unterrichtsstunden landesweit erteilt und besucht werden, käme sicher eine - auch im internationalen Vergleich - eindrucksvolle Zahl zusammen.

Demgegenüber steht die Qualität des Bildungssystemes, wenn man die erworbenen Kenntnisse betrachtet. Schlechte Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften werden beklagt. Englischkenntnisse werden allgemein als unzureichend betrachtet. Das in den Philippinen erlernte Englisch ist nur beschränkt für die internationalen Kommunikation geeignet, an der in zunehmenden Maße Menschen teilnehmen, für die Englisch eine in der Schule professionell erlernte Fremdsprache ist. Das gilt besonders für das weitverbreitete Taglish. Kenntnisse der Muttersprache Filipino sind ebenfalls nicht als gut zu bezeichnen, wenn man fließendes Lesen und Schreiben als Maßstab nimmt. Geisteswissenschaftliche Kenntnisse - wie philippinische Geschichte - sind eher auch bescheiden.

In einer sich schnell verändernden Welt wird die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen mehr und mehr Ziel der schulischen Ausbildung. Dazu gehören Lesen, Schreiben, Verständnis des Gelesenen und kritisches Denken - unabhängig in welcher Sprache.Die
philippinische Schule kann nur wenigen ihrer Absolventen dieses Rüstzeug für die Zukunft mitgeben.


7.1.3 Bestandsaufnahme:
Gastarbeiter

Der vermutlich wichtigste Wirtschaftszweig, an dem Filipinos beteiligt sind, ist die Berufstätigkeit im Ausland. Es gibt kaum ein anderes Land der Welt, in dem so viele Menschen im Ausland arbeiten, um ihre Familien zu Hause zu ernähren. Es handelt sich um 4 bis 6 Millionen Gastarbeiter. Es gibt beinahe kein Seeschiff auf der Welt, auf dem nicht philippinische Seeleute arbeiten. Und in den meisten Krankenhäusern in den Industrieländern sind philippinische Krankenschwestern und Pfleger geschätzte Mitarbeiter. Hinzu kommen weniger qualifizierte Tätigkeiten als Hausangestellte oder im Unterhaltungsgewerbe. Die meisten Gastarbeiter kommen aus der Unterklasse und unteren Mittelklasse.

Vermutlich lebt fast ein Viertel der philippinischen Familen vom Einkommen, das ein Familienmitglied in Übersee erzielt. Gastarbeiter sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und wegen ihrer großen Menge bei Wahlen ein wichtiger politischer Faktor. Außenwirtschaftlich gleichen sie die defizitäre Handelsbilanz des Landes aus. Ausreichende Englischkenntnisse sind eine wichtige Qualifikation, um im Ausland zu arbeiten. Die Landessprache in nicht englischsprachigen Ländern wird in der Regel vor Ort gelernt.

Das in der Schule gelernte Englisch hat sicher einen positiven Einfluss auf die internationale Mobilität der Menschen. Der Hauptgrund, dass diese Millionen ins Ausland gehen, ist, dass sie keine ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten im eigenen Land finden, um ihren Familien ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Nach ihrer Rückkehr in die Philippinen finden sie in der Regel keine angemessene Berufstätigkeit, ihre Erfahrungen im Ausland können nicht nützlich im Heimatland eingesetzt werden. Da das im Ausland erzielte Einkommen als Familienunterhalt dient, können die meisten zurückgekehrten Gastarbeiter keine Ersparnisse ansammeln und auch nur selten eine Altersvorsorge für sich aufbauen.

Die Gastarbeiter gehen nicht ins Ausland, weil spezielle Kenntnisse sie zu besonders wertvollen Arbeitskräften machen. Der einzige Antrieb ist das Lohngefälle, dass zwischen Gastland und Heimatland herrscht. Philippinische Gastarbeiter wird es also nur so lange geben, wie die Philippinen ein armes Land sind. Von der Ausbildung, Rekrutierung und Administration - diese Sektoren sind staatlich geregelt und kartellisiert - beziehen eine nicht unerhebliche Gruppe im eigenen Land gute Einkommen. Man darf nicht erwarten, dass sie an einem Erstarken der Philippinen interessiert sind, das ihren Kundenkreis reduzieren könnte. Im Gegenteil, sie werden eine gastarbeitergerechte Ausbildung fordern, um ihre Einnahmequellen, die die an Festtagen als "Helden der Nation" gefeierten Gastarbeiter sind, zu vermehren.

Wer jedoch mit zurückgekehrten Gastarbeitern gesprochen hat und von ihnen über die meist miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen gehört hat, kann sich kaum der Meinung anschließen, dass die Zukunft der Philippinen darin liegt, dass man ins Ausland geht und dort die Arbeiten verrichtet, die die Einheimischen nicht mehr tun wollen. Sprachkenntnisse anstelle einer qualifizierten Ausbildung führen leicht zu Ausbeutung im Ausland. Qualifizierte Ausbildung und Sprachkenntnisse führen zu gutbezahlten und geachteten Arbeitsplätzen im In- und Ausland.


7.2 Drei mögliche Wege   (• Wege)

Traditionell nimmt die Diskussion der richtigen Sprache für die philippinische Schule einen breiten Raum ein. Neben dem oben angeführten Artikel {7.1.1*} möchten wir ein kurzes Zitat zur Gegenposition wiedergeben {7.2*}. Eine rein sachliche Diskussion ist nahezu unmöglich. Englische Sprachfertigkeit wird in der Diskussion regelmäßig mit der Ablehnung einer (nicht englischen) Landessprache vermengt. Wie anderswo in der Welt, ist die Frage des Ranges der Muttersprache in der Gesellschaft ein sehr emotionelles und politisches Thema. Wir versuchen, Sachliches und Emotionales etwas voneinander zu trennen und das Thema von der sachlich-effizienten Seite anzugehen. Dort lautet die Fragestellung, welche Sprachenstruktur für die Philippinen hilfreich ist, den verlorenen Boden wett zu machen und wieder zu den erfolgreichen Nationen in Asien zu gehören.

Unzureichende Englischkenntnisse werden von vielen Seiten als Hauptursache für die unzureichende Entwicklung der Philippinen gesehen. Wir wollen auf eine kritische Betrachtung verzichten, ob ausschließlich oder vorwiegend mangelnde Kenntnisse in einer Fremdsprache so verheerende Folgen auf die wirtschaftliche und soziale Entwickung eines der größeren Länder Südostasiens besitzen. Vielmehr wollen wir obige Argumentation - die sicher nicht völlig falsch ist - in abgewandelter Form akzeptieren.

Wir sehen drei unterschiedliche Strategien, die sprachliche Entwicklung der Philippinen in Zukunft zu gestalten.


7.3 Weiterführung des Status quo   (• Weiter)

In weiten Kreisen werden Verbesserungen am bestehenden Ausbildungssystem zu Gunsten der englischen Sprache als ausreichend angesehen, um die philippinischen Probleme zu lösen. So soll in den Schulen mehr Unterricht in Englisch erteilt werden, und außerhalb des Unterrichtes der Gebrauch der englischen Sprache gefördert werden. Die Verfechter dieser Veränderungen gehen nicht so weit, Filipino als Unterrichtsfach abzuschaffen und mit der freigewordenen Kapazität den Englischunterricht zu intensivieren.

Wenn man die Weiterführung der bisherigen Politik bewerten will, so hat man die bisherigen Erfolge und Schwächen dieser Politik zu betrachten.

Häufig hört man das Argument, dass früher die Englischkenntnisse der Filipinos besser waren. Es ist sicher richtig, dass Filipinos früher bessere Englischkenntnisse als ihre asiatischen Nachbarn hatten. Vermutlich erscheinen die heutigen Kenntnisse nur schlechter, weil die anderen aufgeholt haben. Eine andere Beobachtung spricht gegen frühere bessere Kenntnisse. Wenn die heutige Elterngeneration damals wirklich viel besser Englisch gelernt hätte, könnte sie heute ihre Kindern im Vorschulalter und schulbegleitend beim Erlernen von Englisch weit mehr unterstützen.

Eine Strategie der schrittweisen Verbesserung stößt auf allgemeine breite Zustimmung. Kleine Schritte sind stets populärer als prinzipielle Änderungen. Die potentiellen Verlierer von großen Veränderungen sind eher geneigt, kleine Veränderungen mitzutragen. Kleine Veränderungen haben gute Erfolgsaussichten, da die Erwartungen von vornherein nicht hoch sind.

Bereits heute werden in allen philippinischen Schulen - zumindest offiziell - die meisten Schulfächer in Englisch gelehrt. Daher sind die Möglichkeiten, weitere Fächer auf Englisch umzustellen, sehr beschränkt. Außer Religion bieten sich nur Heimat- und Werkkunde im Grundschulbereich an, dazu kommt der schulische Bereich außerhalb der Unterrichtsstunden. Wenn nur wenig verändert wird, können auch nur wenig Verbesserungen erreicht werden. Etwas verbesserte Englischkenntnisse werden voraussichtlich für die meisten Gastarbeiter und für Mitarbeiter in Call centers ausreichen. Eine bessere Qualifikation philippinischer Ingenieure sollte jedoch niemand erwarten. Ein Schüler, der während der Schulpause 'water scooper' statt tabo sagen muss, wird dadurch vermutlich kein besserer Ingenieur.


7.4 Unilateraler Weg zum Englischen   (• Unilateral)

In einem unilateralen Ansatz wird das Dilemma zwischen Muttersprache und Weltsprache dadurch gelöst, dass man die Muttersprache durch die Weltsprache ersetzt. Auf den ersten Blick ist ein solcher Ansatz sehr attraktiv, vor allem, wenn man die Vereinigten Staaten als Vorbild hat. Dort besteht eine einfache Identitiät von "Amerikanisches Englisch = Muttersprache = Weltsprache = Sprache schlechthin". Es gibt für den US-Amerikaner nur eine Sprache. Falls man diesem Weg folgen will, muss Englisch die einzige Sprache in den Philippinen werden; für eine Muttersprache Filipino ist dann kein Platz mehr in der heutigen Zeit.

Trotz amerikanischem Schulsystem und der englischen Sprache in der Öffentlichkeit sind die Philippinen diesem Ziel in den letzten 100 Jahren kaum nähergekommen. Wenn man dieses Ziel ernsthaft verfolgen will, müssen offenbar andere Methoden angewandt werden als in der Vergangenheit.

Nur-Englisch bedeutet für Millionen Filipinos einen Wechsel der Muttersprache. Ähnliche Prozesse sind in der Geschichte vorgekommen. In ganz Amerika sind die ursprünglichen Sprachen durch Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch ersetzt worden, was den entsprechenden Ländern den Zugang zur internationalen Gemeinschaft ungemein erleichtert hat. Zeiten und Umstände waren damals anders, der Prozess der Sprachwandlung war mit Vertreibung oder Ausrottung verbunden. Man kann dies schlecht als Vorbild für eine Sprachwandlung in einem zivilisierten Land nehmen. Andere erfolgreiche Versuche in der Geschichte, Muttersprachen von oben oder von außen zu ändern, liegen so gut wie nicht vor. Im Gegenteil, es gibt historische Beispiele, die das Gegenteil bezeugen. Das klassische Vorbild ist das normannische Französisch in England, das am Ende nur eine Menge Lehnwörter in der englischen Sprache hinterlassen hat. Ein tragischeres Beispiel ist das zaristische Russland. Die französischsprechende Oberschicht wurde im Zuge der Revolution 1917 ermordet oder verjagt.

Um Englisch als Muttersprache in den Philippinen einzuführen, müssten neue Methoden entwickelt werden. Den Filipinos muss dabei deutlich sein, dass sie auf keine Erfahrung und Unterstützung aus dem Ausland rechnen können, auch nicht aus den Vereinigten Staaten. Vermutlich müsste bereits in Kindergärten und Vorschulen Englisch gelernt werden, und zwar so gut, dass alle Unterrichtsfächer in der darauf folgenden Grundschule in englischer Sprache erteilt und von den Schülern erfolgreich verstanden werden können. Erforderlich wäre, dass alle Kinder - vor allem aus den unteren sozialen Schichten - solche Kindergärten und Vorschulen besuchen müssten und die Grundschule erst besuchen können, nachdem sie in einer Aufnahmeprüfung so gute englische Sprechkenntnisse vorweisen, dass sie dem Unterricht ohne Zuhilfenahme der alten Muttersprache folgen können. Dabei müssen alle Lehrer - vor allem in Kindergärten und Vorschule - so gut Englisch beherrschen, dass sie die auf sie zukommende neue Aufgabe bewältigen können.

Falls ein solches Projekt erfolgreich durchgeführt werden könnte, wäre nach etwa einer Generation (also nicht in zehn oder etwa schon in fünf Jahren) eine einheitliche Sprache zu Hause, in der Schule und in der Öffentlichkeit erreicht. Die Philippinen wären dann sprachlich möglicherweise mit Australien zu vergleichen, in dem Einsprachigkeit herrscht und damit ein hohes Maß an Chancengleichheit und öffentlicher Transparenz.

Ein solches Projekt würde bereits heute große Investitionen und ein radikales Umdenken verlangen, während es erst nach vielen Jahren Früchte trägt. Es ist vermutlich bereits aus diesem Grund unrealistisch für die Philippinen. Deshalb betrachten wir hier nicht die gesellschaftliche Akzeptanz eines solchen Projektes, das auf die gezielte Beseitigung aller philippinischer Sprachen und Dialekte hinausläuft. Die Kreise, die mit der "Doppelt-Halbsprachigkeit" gute Geschäfte machen und heute lautstark mehr Englisch fordern, werden vermutlich nicht zu den Vorkämpfern eines solchen Projektes gehören.


7.5 Multilateraler Weg   (• Multilateral)

Als dritter Weg bietet sich ein System an, in dem sowohl eine eigene Landessprache und die Weltsprache Englisch eine wichtige Rolle spielen, wir bezeichnen es als multilateral. Dies mag für viele Filipinos seltsam erscheinen, ist aber der Weg, den nahezu alle Länder der Welt gehen, sofern Englisch nicht ihre Muttersprache ist. Dazu gehören Weltmächte wie China, kleine Länder wie Finnland und auch die philippinischen Nachbarn Indonesien und Malaysia. Der Grundgedanke ist, dass die Bewohner eines Landes eine Muttersprache besitzen, die man zielbewusst und erfolgreich einsetzen kann. Die Muttersprache ist die Sprache der Vorschulkinder, in dieser Sprache haben sie ihre Umwelt erfahren und in ihr zu leben gelernt. Dieser Erfahrungsschatz ist die Grundlage, auf der die Grundschule aufbaut. Vertiefung der vorerst nur gesprochenen Muttersprache mit Lesen und Schreiben ist die erste große Aufgabe. Dazu kommen das Verstehen der Welt in den gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fächern. Und dazu gehört bei der Erweiterung des Weltbildes die Erlernung von Fremdsprachen, wobei Englisch häufig die erste oder einzige ist.

Häufig hört man, dass die Filipinos das Englisch brauchen, um in der Welt konkurrieren zu können. Das ist ebenso unbestreitbar wie z.B. dass Chinesen, Deutsche und Holländer Englischkenntnisse brauchen. Dann wird jedoch zwischen Mutter- und Fremdsprache kein Unterschied gemacht und der falsche Schluss gezogen, dass man keine Muttersprache mehr braucht. Im multilateralen Modell stellt sich eine Frage Muttersprache oder Englisch nicht. Muttersprache und Englisch werden Plätze in der Gesellschaft angewiesen, wobei die Muttersprache in inländischer Kommunikation überwiegt, während die englische Sprache zur Kommunikation mit dem Ausland und mit Ausländern dient, einschließlich ausländischen Büchern und Fernsehprogrammen. Für Chinesen, Finnen und Indonesier ist es selbstverständlich, dass nicht nur die Schulbücher für die Kinder, sondern auch Tageszeitungen, Geschäftskorrespondenz und Steuererklärungen in der Landessprache sind. Die Akzeptanz der Landessprache ist eine Tatsache. Man befasst sich nicht mit der Frage, in welcher Sprache (oder gar in welchen Dialekt) man schreiben sollte, man kann sich voll dem Inhalt der Kommunikation widmen.

Das multilaterale System schließt nicht aus, dass in besonderen Fällen (gemischtsprachige Eltern, überdurchschnittliche Begabung, starke Auslandsorientierung) Ausbildungsgänge mit Englisch als Unterrichtssprache angeboten werden.

Die Vorteile des multilateralen Systemes sind offensichtlich. Zunächst brauchen Lehrer und Schüler keine Fremdsprachenkenntnisse im Unterricht, sie können sich voll auf den Lehrstoff konzentrieren (der auch eine Fremdsprache sein kann). Man streitet sich nicht, in welcher Sprache man zählen soll, sondern lernt gründlich Mathematik. Dies schließt nicht aus, dass insbesondere im tertiären Bildungsbereich Englisch dann eine wichtige Rolle spielt, wenn im Ausland erarbeitete Kenntnisse übernommen und erweitert werden sollen. Da sich das öffentliche Leben politisch, kulturell und wirtschaftlich in der Landessprache abspielt, sind die oben erwähnten Probleme der Chancengleichheit und Transparenz nicht vorhanden oder werden zumindest vermindert. Eine Ausdehnung modernen Lebens in abgelegene Provinzen wird erleichtert, deren wirtschaftliche Entwicklung gefördert oder erleichtert.

Eine Stärkung der Landessprache wird vermutlich bei vielen Filipinos zur Festigung einer nationalen Identität beitragen. Dies mag bewirken, dass man seine eigene Zukunft vermehrt im eigenen Land sucht. Vielleicht mag auch das koloniale Denken, das Filipinos regelmäßig selbstkritisch als Entschuldigung gebrauchen, zurückgedrängt werden.

Ein weiterer Vorteil ist, dass dieses System stufenweise eingeführt werden kann. So kann die Herausgabe eines Rechenbuches für die Volksschule in filipinischer Sprache innerhalb eines Jahres erfolgen, während die Erarbeitung von professionellen Englischlehrplänen für Kinder mit west-austronesicher Muttersprache möglicherweise mehrere Jahre angestrengter Arbeit erfordern (möglicherweise könnte man sich bei den Nachbarn Indonesisen und Malaysia umsehen, die das gleiche Problem haben).

Der multilaterale Ansatz erfordert eine vollständige Landessprache. Oben wurde dargestellt, dass Filipino mit großer Wahrscheinlichkeit das Potenzial dazu besitzt, aber insbesondere beim Wortschatz für das 21. Jahrhundert Lücken aufweist. Im nächsten Abschnitt betrachten wir diese Probleme und zeigen Lösungsansätze auf. Diese bedürfen keiner neuen Gesetze, sondern nur zielgerichteter und professioneller Arbeit von Fachleuten.

Das Problem ist, dass das in der übrigen Welt Selbstverständliche für Filipinos unverständlich ist oder gar unrealistisch klingt. Sie können oder wollen nicht glauben, dass so etwas möglich und dazu noch erfolgreich ist. Im Allgemeinen sind Filipinos schnell in der Übernahme ausländischer Ideen und Produkte, die rege Verwendung der Mobiltelefone ist ein Beweis dafür. Anders auf dem Gebiet der Sprache, das Verstehenwollen des in der Welt üblichen Sprachgebrauch läuft dem eigenen Weltbild zuwider. Der Filipino kann sich kaum vorstellen, dass professioneller Gebrauch der Muttersprache im öffentlichen Leben möglich ist. Es ist beinahe Blasphemie, die Sprache des "großen Onkels" Vereinigte Staaten auf die gleiche Stufe mit der eigenen, der des "kleinen Neffen", zu stellen. Hier scheiden sich die Geister, der Filipino liebt Englisch und möchte es gern können und dann selbst bescheidene Kenntnisse bei jeder Gelegenheit, vor allem vor seinen eigenen Landsleuten, zur Schau stellen. Hinzu kommt die Trägheit gegen alles Neue (mehrfach gehörtes Zitat: "Da unsere Rechenbücher in Englisch sind, muss der Unterricht in Englisch erteilt werden.").

Neben diesen psychologisch-emotionellen Problemen gibt es sachlich begründbare Widerstände gegen das multilaterale Modell. Es ist verständlich, dass niemand zugeben möchte, dass er aus persönlichen Interessen gegen Veränderungen ist. Die Liste der Gruppen, die Nachteile durch die Aufwertung der Muttersprache zur echten Landessprache erfahren oder auch nur zu sehen glauben, ist lang:


7.6 Ausblick   (• Ausblick)

Wir haben dargestellt, dass die verbesserte Weiterführung des Status quo, selbst wenn ernsthaft betrieben, keine Lösung der philippinischen Probleme bringen kann. Der unilaterale Weg wird die Kräfte des Landes übersteigen. So bleibt nur der multilaterale Weg, um die Philippinen - was den Beitrag der Sprache betrifft - in eine gute Zukunft zu führen. Es mag jedoch sein, dass die Hindernisse auf diesem Weg heute zu hoch und unüberwindlich sind.

Der multilaterale Weg ist also der Ansatz, Muttersprache, Unterrichts-, Amts- und Handelssprache zusammenzuführen und Englisch eine starke Rolle, aber als Fremdsprache zuzuweisen. Ein solcher Ansatz ist nicht so originell. Das ist, was fast alle Länder dieser Welt bereits getan haben mit Ausnahme der englischsprachigen Länder, denen sich dieses Problem nicht stellt.

Das, was im Rest der Welt der Standard ist, stellt etwas völlig Revolutionäres in den Philippinen dar. Und um etwas Revolutionäres erfolgreich durchzuführen, bedarf es starker Bundesgenossen. Wer könnten diese für Projekt Wika sein? Innerhalb des Landes sind solche Bundesgenossen nicht zu sehen.

Das Land und seine Elite ist rückständig und entwicklungsfeindlich, die dadurch Geschädigten leiden nicht, sie sind glücklich und zufrieden mit ihrem Los. Die Mittelklasse ist zahlenmäßig schwach, einflussarm, und klammert sich an die Elite. Ein Bildungsbürgertum existiert praktisch nicht. Die meisten Studenten verhalten sich wie Konsumenten, die mit viel Geld und Mühe ein Diplom kaufen. Kirchen treten auf dem Gebiet der gesellschftlichen Entwicklung kaum in Erscheinung, man beschäftigt sich viel mit dem "ungeborenen Leben", so dass für das geborenen Leben nicht mehr viel Aufmerksamkeit übrig bleibt. Revolutionär-proletarische Bewegungen gibt es nicht (mit Ausnahme von ein paar gestrigen Kämpfern in den Wäldern). Niemand hat den Willen und die Kraft zu einer Erneuerung.

Trotzdem können viele kleine Schritte unternommen werden, um einen Weg zu ebnen, der diese Hindernisse beseitigt oder umgeht. Ein Ansatz dazu ist, bei den Menschen im Lande die Akzeptanz ihrer eigenen Sprache zu erhöhen. Wir machen hier einige Vorschläge, zu denen weder Politik- noch Gesetzesänderungen notwendig sind. Sie betreffen in erster Linie professionelle Anstrengungen in der akademischen Welt. Andererseits bietet sich hier ein interessantes, originäres Forschungsgebiet für Universitäten in den Philippinen, was zu einer attraktiven Zusammenarbeit mit internationalen Linguisten führen könnte.

Der Hauptmangel der filipinischen Sprache heute besteht darin, dass für viele Begriffe, die in den letzten 50 Jahren in das philippinische Leben getreten sind, keine filipinischen Wörter bestehen. Um neue Wörter prägen zu können, müssen die in der Vergangenheit angewandten Methoden zur sprachlichen Innovation vertieft studiert und dokumentiert werden. Dies betrifft den Reichtum der Affixbildungen, aber auch Zusammensetzungen von Wörtern. Ergänzendes Studium, wie in anderen Sprachen neue Wörter gebildet werden, wäre nützlich.

Häufig wird als der einzige Weg zur Modernisierung der filipinischen Sprache die Übernahme englischer Fremdwörter gesehen {7*}. Verkürzt gesprochen wird dann Filipino ein Tagalog mit englischen Wörtern und - zu Ende gedacht - eine Sprache mit filipinischer Grammatik und englischen Wörtern in filipinischer Phonologie. Damit bleibt kaum Platz für eine Entwicklung aus eigener Kraft, und deutliche Zeichen von Inferiorität und Abhängigkeit werden gesetzt. Wir haben Zweifel, ob eine solche Spache der Entwicklung der Philippinen dienen kann oder sie gar die Philippinen zu einem Land der Dichter und Denker werden lässt.

Nicht für alle Begriffe des modernen Lebens werden sich neue filipinische Wörter bilden lassen. Dann müssen - wie auch in anderen Sprachen - Fremdwörter übernommen werden. Einige Spezialisten sollten Grundkenntnisse der wichtigen Sprachen unserer Welt erwerben. Dann wäre man in der Lage, dass inhaltlich und phonologisch passendste Wort aus einer anderen Sprache (die keineswegs immer die englische Sprache sein muss) in die filipinische Sprache zu übernehmen. Eine sorgfältige Einbindung dieser neuen Wörter bezüglich Phonologie und Morphologie sollte vorgenommen werden.

In den letzten Jahren sind in den Philippinen akademische Anstrengungen unternommen worden, für die filipinische Sprache Grammatik- und Wörterbücher zu erarbeiten (zwei Beispiele sind { UPD 2001} und { Santiago 2003-B}). Diese Publikationen betreten Neuland in den Philippinen und sind daher sehr wertvoll und sollten als ein Anfang betrachtet werden, dem viele Verbesserungen und Ergänzungen folgen können. Da naturgemäß in dieser Situation viele Fragen noch der wissenschaftlichen Diskussion unterliegen, wären Kommunikationsforen anzustreben, wobei sich die Anwendung moderner Technologie anbietet. Ein Vorbild könnte die Internetenzyklopädie Wikipedia sein.

Innovationen sind in der Regel erfolgreich, wenn sie mit wirtschaftlichen Interessen verknüpft werden können. Möglicherweise gibt es Industrien in den Philippinen, die ihre Geschäfte zu nicht englischsprechenden Filipinos erweitern möchten. Beispiel könnten Banken sein, die Auslandsüberweisungen von Gastarbeitern an ihre Familien als neuen Markt betrachten. Hier könnten Universitäten helfen, die dazu erforderlichen sprachlichen Werkzeuge zu entwickeln, damit die Banken das Vertrauen geben, dass sie ihre Kunden ernst nehmen (was bei den heutigen Taglishsätzen wie Account di available möglicherweise nicht der Fall ist).

Fehlende Akzeptanz ist das Hauptproblem der Landessprache Filipino. Oben dargestellte Vorschläge können diese Akzeptanz erhöhen, möglicherweise kann damit erreicht werden, dass der Filipino seine Landessprache gut, nützlich und interessant findet.


8 Nachwort: Der Verfasser und die Sprachen   (• Nachwort)

An dieser Stelle soll dargestelt werden, warum der Verfasser sich so vehement für eine lebendige Nationalsprache in den Philippinen einsetzt. Von meiner Ausbildung her bin ich promovierter Physiker, also mehr der exakten Seite des Denkens zugeneigt, obwohl ich auch in Tübingen eine Vorlesung über "Schelling und die Philisophie der Romantik" gehört habe.

In der Schule bin ich kein guter Schüler in Sprachen gewesen, dafür aber weit über dem Durchschnitt in Mathematik und Naturwissenschaften. Ich ging in der damaligen DDR zur Schule. Wenn ich mir die philippinischen Verhältnisse auf meine damalige Situation übertrage, sträuben sich mir die Haare. Russisch war damals dort die Fremdsprache Nr. 1. Natürlich sprachen meine Eltern kein Wort Russisch. Wenn mir mit sechs Jahren ein russisches Rechenbuch in die Hand gedrückt worden wäre, ich in einer Schule von einem deutschen Lehrer, der im Unterricht radebrechend Russisch sprechen musste, das Rechnen hätte lernen sollen, würde ich heute hier nicht zufrieden vor meinem Computer sitzen und diese Zeilen schreiben können.

Mein bewusster Umgang mit Fremdsprachen begann im Jahr 1973. Ich wurde von Hamburg nach Eindhoven, Niederlande in die Konzernzentrale meines Arbeitgebers Philips versetzt. Deutsche Freunde halfen - wie in solchen Fällen üblich - mit Rat und Tat. Der Rat bezüglich der Sprache beschränkte sich auf Sätze wie diese "Du hast Glück, da spricht jeder Deutsch." oder "Eigentlich haben die gar keine richtige Sprache, das ist wie Plattdeutsch.". Trotz dieser Ratschläge besuchte ich einen dreiwöchigen Sprachkurs (der von der Firma bezahlt wurde). Ich war schon vorher häufig in Eindhoven geschäftlich gewesen, und hatte das Sprachverhalten bei geschäftlichen Besprechungen studiert. In internationalen Besprechungen wurde Englisch gesprochen, in deutsch-niederländischen Deutsch. Wenn die Diskussionen kontrovers zu beginnen drohten (und zu Geschäftsbesprechungen geht man nicht nur, um Höflichkeiten auszutauschen), verfielen die Niederländer (sie waren die Chefs oder hielten sich dafür) in ihre eigene Sprache und der Rest verstand nichts. Später las ich an einer Wandtafel in einem englischen Betrieb den Satz "In unserer Firma werden die Entscheidungen in Holländisch getroffen, nur die Protokolle sind in Englisch." Der Sprachkurs war für mich u.a. ein Werkzeug, um mit "dazugehören" zu können.

Als ich dann länger im Land war, lernte ich, wie Niederländer mit ihrer Sprache umgehen. Von Kindesbeinen an lernt man "Wir leben in einem kleinen Land, deshalb müssen wir Fremdsprachen lernen." In Standard-Stellenanzeigen für Sekretärinnen werden 'Moderne talen' verlangt, das bedeutet Englisch, Deutsch und Französisisch. Mit Ausländern spricht der Niederländer lieber in deren Sprache, auch wenn er sie nicht gut kann (das ist sehr lästig, wenn der Ausländer beinahe perfekt Niederländisch spricht). Ausländische Filme werden nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln versehen. Trotzdem spricht man zu Hause, in der Schule und im Parlament die Muttersprache und liest die Tageszeitung in Niederländisch.

Als ich dann viele Jahre später nach Manila versetzt wurde, fiel mit auf, wie die Niederländer durch ihre Sprache ihr Zusammengehörigkeitsgefühl im Ausland verstärken. Es wurden sogar niederländische Wörter für lokale Besonderheiten geprägt, 'dorpje' (kleines Dorf) wurde der Begriff für die eingemauerten exklusiven Wohngebiete in Makati, dem Geschäftsviertel von Manila. Mein Arbeitgeber war zu dieser Zeit noch eine niederländische multinationale Firma. In Gesprächen mit der Konzernzentrale hatte ich immer Vorteile, dass ich Holländisch sprach, ich gehörte damit zur Familie (und in der Familie wurde entschieden).

Jahre später sah ich in Hongkong an Sonntagnachmittagen regelmäßig Tausende von philippinischen Hausangestellten in einem Park im Zentrum. Sie trafen sich dort, um ihre eigene Sprache sprechen zu können, Familien- und anderen Klatsch austauschen zu können und um mit ihrem Heimweh fertig zu werden. Englisch sprach dort niemand ein Wort.

Von Franzosen habe ich gelernt, dass für sie französische Sprache und französische Lebensart untrennbar zusammengehören. Ich erinnere mich an den Titel eines Lehrbuches "Langue et civilisation françaises".

Meine Erfahrungen in angelsächsischen Ländern bezüglich Sprachen sind vielfältiger. Am einen Ende der Skala steht Arroganz, man nimmt Fremdsprachen gar nicht zur Kenntnis oder behauptet, dass sie eigentlich überflüssig seien. Einige fühlen sich unterlegen (häufiger in England als in den Vereinigten Staaten), wenn sie keine Fremdsprachen können (siehe obige Tafelinschrift). Ein amerikanischer Freund erklärte mir: "Ich möchte gern, dass meine Tochter (Teenager) eine Fremdsprache lernt. Sie antwortet mir dann: Soll ich Spanisch lernen, damit ich mit dem Personal in Acapulco anbändeln kann? Oder Französisch, damit ich bei einer Europareise während der zwei Tage in Frankreich beim Einkauf von Andenken feilschen kann?" Diese Antwort ist ernster zu nehmen als sie scheint. Wie soll ich in einem riesigen Land wie den Vereinigten Staaten Verständnis für andere Sprachen entwickeln, wenn ich diese im Ausland als Verständigungswerkzeug nicht brauche? Trotzdem gibt es in den Philippinen pensionierte Amerikaner, die fließend Tagalog sprechen. Für sie ist die Sprache offenbar etwas anderes als nur ein Verständigungswerkzeug.

Ich bin 1939 in Dresden, also noch in Deutschland geboren. Nach der Teilung war ich dann ein "Ost-Deutscher", und als ich in der Bundesrepublik lebte "einer aus dem Osten". Nach der Wiedervereinigung bin ich wieder ein "richtiger" Deutscher geworden. Sprache und Heimatland haben in Deutschland eine komplizierte Beziehung zueinander. Dass Schweizer Deutsch sprechen, aber keine Deutschen sind, daran hat man sich in mehr als 700 Jahren gewöhnt. Dass Österreicher auch keine Deutsche sind, haben wir in knapp zwei Jahrhunderten gelernt (mit kurzen Unterbrechungen, wo manche Deutsche und auch Österreicher das nicht wahrhaben wollten). Fünfundvierzig Jahre deutsche Teilung, in denen uns eingeredet wurde, dass der Ostteil eigentlich gar nicht zu Deutschland gehöre, oder auf der anderen Seite, dass nur der Ostteil das richtige Deutschland sei, waren für eine dauerhafte Spaltung zu kurz. Welchen Beitag die gemeinsame Sprache dabei gespielt hat, lässt sich schwer abmessen. Das sie einend und nicht spaltend gewirkt hat, ist unbestreitbar.

Zum Abschluss eine letzte persönliche Erfahrung. In vier Jahren in den Niederlanden habe ich beinahe perfekt Niederländisch gelernt. Dabei hat sicher die Verwandtschaft von niederländischer und deutscher Sprache geholfen. Nach fast zwanzig Jahren in den Philippinen spreche ich immer noch nicht fließend die einheimische Sprache. Dafür gibt es sachliche Gründe, Filipino und Deutsch sind überhaupt nicht verwandt, die einzige Gemeinsamkeit sind die lateinischen Buchstaben und ein paar spanische Lehnwörter.

Die Hauptgründe sind jedoch an anderer Stelle zu suchen. Als ich in die Philippinen kam, wurde mir von meinem Arbeitgeber kein Sprachkurs angeboten und auch von mir nicht angefragt. Es hieß ja "In den Philippinen spricht jeder Englisch". Als ich dann versuchte, die Sprache zu erlernen, konnte mir die tägliche Lektüre einer gute Tageszeizung nicht helfen, da es eine solche in Filipino nicht gibt. (In Eindhoven hatte ich von Anfang an das 'Eindhovens Dagblad' abonniert, um Sprache und etwas über Land und Leute zu lernen).

Mit Filipinos in ihrer eigenen Sprache zu sprechen, ist beinahe beleidigend für sie. Sie glauben, man nehme an, dass sie kein Englisch könnten. Was ich noch schlimmer finde, dass Filipinos erstaunt sind, dass ich als Ausländer überhaupt versuche, die Landessprache zu lernen, auch wenn ich schon zwanzig Jahre im Land lebe.

Als Deutscher habe ich nicht Rechnen in Russsisch lernen müssen. Stattdessen habe ich eine gute Ausbildung erhalten, und heute darf ich hier ein gutes und interessantes Leben führen. Ich fühle mich verpflichtet, den vielen Filipinos, die ich täglich in ihrer Armut und Primitivität sehe, zu einem besseren Leben zu verhelfen. Ich glaube, die Sprache kann eine scharfe Waffe in diesem Kampf sein. Ich versuche, ihnen diese Waffe zu schärfen.

9 Anhang zu Sprache und Gesellschaft in den Philippinen   (• Anhang)

{1*}   Zitate von Wilhelm v. Humboldt 1826

'den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen' { Humboldt 1826 p. 418}

'Selbst die Anfänge der Sprache darf man sich nicht auf eine so dürftige Anzahl von Wörtern beschränkt denken, als man wohl zu tun pflegt, indem man ihre Entstehung, statt sie in dem ursprünglichen Berufe zu freier, menschlicher Geselligkeit zu suchen, vorzugsweise dem Bedürfnis gegenseitige Hilfsleistung beimisst und die Menschheit in einen eingebildeten Naturstand versetzt. Beides gehört zu den irrigsten Ansichten, die man über die Sprache fassen kann. Der Mensch ist nicht so bedürftig, und zur Hilfeleistung hätten unartikulierte Laute ausgereicht. Die Sprache ist auch in ihren Anfängen durchaus menschlich und dehnt sich absichtslos auf alle Gegenstände zufälliger sinnlicher Wahrnehmung und innerer Bearbeitung aus. Auch die Sprachen der sogenannten Wilden, die doch einem solchen Naturstand näher kommen müssten, zeigen gerade eine überall uber das Bedürfnis überschießende Fülle und Mannigfaltigkeit von Ausdrücken. Die Worte entquillen freiwillig, ohne Not und Absicht, der Brust, und es mag wohl in keiner Einöde eine wandernde Horde gegeben haben, die nicht schon ihre Lieder besessen hätte. Denn der Mensch, als Tiergattung, ist ein singendes Geschöpf, aber Gedanken mit den Tönen verbindend.' { Humboldt 1826 p. 434 f.}.


{2*}   Austronesische Sprachfamilie
Die westliche Gruppe der austronesischhen Sprachfamilie ist in Südostasien beheimatet. Zu ihr gehören Javanisch, Malaysisch (Bahasa Melayu, die Nationalsprache Malaysias), Indonesisch (Bahasa Indonesia, der neuen Nationalsprache Indonesiens), Sundanesisch und die meisten philippinischen Sprachen (darunter Tagalog und das heutige Filipino).


{2**}   Zitat von Pedro Chirino (Relacion de las Islas Filipinas, Rom, 1604)

'Nakita ko sa Tagalog ang apat na katangian ng apat na pinakamaunlad na mga wika sa daigdig - ang Ebreo, ang Griyego, ang Latin, at ang Kastila.  Ich fand in dieser Sprache, dem Tagalog, vier Eigenschaften der größten Sprachen der Welt, Hebräisch, Griechisch, Latein und Spanisch.
Taglay ng Tagalog ang talinghaga ng Ebreo; ang katangi-tanging mga termino ng Griyego hindi lamang sa mga pangngalang lansak, kundi gayon din sa mga pangalan ng mga bagay; ang kaganapan at kinis ng Latin; at ang kaanyuan at pagkamagalang ng Kastila.'

Übersetzung von T. Agoncillo.
  Dem Tagalog sind zueigen die Mystik und Bildhaftigkeit des Hebräischen; die sehr treffende Ausdrucksfähigkeit des Griechischen nicht nur für allgemeine Begriffe, sondern auch für die Namen einzelner Dinge; die Vollkommenheit und Ebenheit des Lateinischen; und die vollendete Form und Höflichkeit des Spanischen.

{3.1*}   Zitat Amerikanische Werte

Bereits 1901 schrieb T.H. Pardo de Tevera an General MacArthur (Kommandeur der US-Truppen in den Philippinen):

'After peace is established, all our efforts will be directed to Americanizing ourselves. To cause a knowledge of the English language to be extended and generalized in the Philippines, in order that through its agency the American spirit may take possession of us and that we may so adopt its principles, its political customs, and its peculiar civilization that our redemption may be complete and radical.'
R. Constantino: Origin of a Myth, Quezon City, p. 22
siehe auch Agoncillo, T.A. und M.C. Guerrero History of the Filipino People, Quezon City 1960/1987, p. 259. ISBN 971-1024-15-2

Dazu ist allerding anzumerken, dass T.H. Pardo de Tevera ein Spanier war, der rechtzeitig seine Liebe zu den Amerikanern entdeckte.


{3.5*}   Zahl der in den Philippinen verlegten Bücher

Wir haben Vergleichszahlen über die in ausgewählten Ländern verlegten Bücher ermittelt. Dabei haben wir die Zahl der herausgegebenen Bücher auf die Zahl der Einwohner des Landes bezogen, also die "Bücher je Million Einwohner" berechnet. Die Zahlen gelten für 1981 oder 1982.

LandBücher je Million Einwohner

Frankreich750
Süd Korea650
Malaysia190
Thailand115
Philippinen17
Indonesien15

Daten aus { Constantino 1996 p. 57}


{5.3*}   Zitat UNESCO

'... pupils should begin their schooling through the medium of the mother tongue, because they understand it best and because to begin their school life in the mother tongue will make the break between home and school as small as possible.'
The Use of Vernacular Languages in Education, Monographs on Fundamental Education 8, Paris UNESCO 1953, p. 691

{7.1.1*} Zeitungsartikel von Jess Diaz: English is medium of instruction soon
The Philippine Star 31. Mai 2005

'English could soon become the principal medium of instruction in all schools. The House committee on education has endorsed a bill changing the present bilingual policy in schools and requiring that English be the principal medium of instruction, from grade school to the tertiary level. The only exception would be when Filipino is taught as a subject. English would also be promoted as the medium of interaction among pupils and students.

Bill 2894, principally authored by Cebu Rep. Eduardo Gullas, has been endorsed by 137 or a majority of the 236 members of the House of Representatives. Gullas said yesterday President Arroyo has also agreed to support the measure. "In fact, she is making it part of the legislative agenda that she would recommend to Congress for its second regular session, which starts in July," he said. He said there is a need to make English the principal medium of instruction again in all schools "because we have been losing our competitive edge in English proficiency to neighboring countries, including China, which used to abhor the English language." "Even our graduates who are recruited by call centers have to be retrained so they will become fluent in English. I know, since there are many of these centers in Cebu," he said. Gullas comes from a family of educators who own the University of the Visayas in Cebu City. He recalled that English had been the medium of instruction until 1974 when the bilingual policy requiring the use of both English and Filipino was introduced. "As a result of this policy, the learning of the English language suffered a setback. One reason is what linguists call language interference. Targeting the learning of two languages (English and Pilipino, actually Tagalog) is too much for Filipino learners, especially in lower grades. And if the child happens to be a non-Tagalog speaker, this actually means learning two foreign languages at the same time, an almost impossible task," he said.

He said the difficulty faced by the Filipino student in learning two languages at the same time could be one of the reasons why Filipinos lag behind their neighbors in science and mathematics. He noted that books in these disciplines are written in English. If the student cannot comprehend what is written in English, then learning science and mathematics and other disciplines becomes a tremendously difficult undertaking, he stressed.'


{7.2*}   Zitat von Renato Constantino: The Miseducation of the Filipino

'The most vital problem that has plagued Philippine education has been the question of language. Today, experiments are still going on to find out whether it would be more effective to use the native language. This is indeed ridiculous since an individual cannot be more at home in any other language than his own. In every sovereign country, the use of its own language in education is so natural no one thinks it could be otherwise. But here, so great has been our disorientation caused by our colonial education that the use of our own language is a controversial issue, with more Filipinos against than in favor! Again, as in the economic field Filipinos believe they cannot survive without America, so in education we must believe no education can be true education unless it is based on proficiency in English.'



Die filipinische Sprache von Armin Möller
http://www.germanlipa.de/text/lipon.html
20. September 2008 / 220121

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